von Peter am 07.01.2010, 17:26 Uhr , Kategorie: Allgemein

Was waren das noch für Zeiten, als man seine Bewerbung für eine neue Stelle mit der Schreibmaschine getippt und anschließend links oder rechts oben das teure Porträtbild aus dem örtlichen Fotostudio mit Kleber befestigt hat. Der Lebenslauf hatte das gleiche Schicksal, Tabelleneinzug war schon schwieriger, damit am Ende auch alles halbwegs gut aussah. Wie schön, als man dann einen PC zu Hilfe nehmen konnte und nicht immer gleich alles neu schreiben musste, wenn man einen kleinen Rechtschreibfehler gemacht hat. Eintüten, zum Postamt fahren, abschicken, bangen.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet nun Neues aus dem Lager der sog. Karriereberater und „Recruiting-Experten“. Diese haben, wie schon öfters, mal wieder einen Blick in die Zukunft geworfen und festgestellt: Konventionelle Bewerbungsmappen werden schon bald megaout! In Zukunft findet alles nur noch online und digital statt. Der Gipfel: Unterlagen auf dem Postweg würden gar nicht mehr angenommen. Fachfrau Svenja Hofert meint, dass sich die Bewerbungen auch inhaltlich verändern werden, angepasst an das sog. angelsächsische Modell: „Persönliche Daten wie Geburtsdatum, Familienstand und Foto gibt es in amerikanischen Lebensläufen nicht mehr“.

Kollege Steffen Rühl, Chef der Personen-Suchmaschine yasni geht in seiner Vision noch einen Schritt weiter: Klassische Bewerbungen würden bis in etwa zehn Jahren ganz verschwinden, Arbeitnehmer werden dann ein eigenes elektronisches Profil im Netz haben, das sie pflegen müssen.

Ich sehe schon den durchschnittlichen deutschen Arbeitgeber (Mittelstand, ca. 20 Arbeitnehmer) vor mir, wie er gerade seine vernetzte Online-Datenbank pflegt oder sogar jemanden dafür einstellt, dies zu tun, damit Online-Interessenten ihre gesichtslose eBewerbung reinschicken können. Oder der ungelernte Arbeitnehmer, der sein Online-Profil in sozialen Netzwerken „pflegt“, damit er bei einer Zeitarbeitsfirma vielleicht die Chance bekommt, zu einem Mindestlohn, der diesen Namen sicher nicht verdienen wird, tätig zu werden.  Hirnlose neue Welt.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 07. Januar 2010 um 17:26 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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6 Comments »

  1. Moment mal,
    da gibt es noch einen anderen Zusammenhang. Das AGG – gut gemeint – hat nämlich genau diese Auswirkungen auf Bewerbungen:

    Bewerber müssen künftig auf folgende persönliche Fragen nicht mehr antworten:

    Bewerber müssen auf persönliche Fragen zu Alter, Familienstand, Kindern, Religion und sexueller Orientierung etc. nicht mehr antworten.
    Einige Unternehmen könnten eventuell anonymisierte Lebensläufe bevorzugen, dies sollte im Vorfeld mit den Unternehmen abgeklärt werden.
    Lichtbilder sollten Sie nur noch mit aufnehmen, wenn sie wirklich vom Unternehmen angefordert werden.
    Bewerbungsgespräche werden in der Regel mit zwei Interviewpartnern geführt werden.
    Opfer von unberechtigten Benachteiligungen haben die Möglichkeit gerichtlich dagegen vorzugehen.

    Kommentar von: Doris – am 15. Januar 2010 um 11:31

  2. Sehr polemischer Beitrag, außerdem einer aus dem letzten Jahrhundert. Der Arbeitnehmer von heute pflegt schon lange sein online-Profil und einem Arbeitgeber, der die unzähligen Möglichkeiten nicht nutzt, im Internet schnell und günstiger als je zuvor (schon mal gehört, wie viel ein Stelleninserat kostet?) mit Interessenten in Kontakt zu treten kann auch nicht mehr geholfen werden.

    Zum ungelernten Arbeitnehmer… falls er einen Computer bedienen kann, helfen ihm die heutigen Möglichkeiten. Auch der ungelernte Arbeitnehmer muss mit der Zeit gehen, ohne Computer werden schon lange keine Bewerbungsschreiben mehr verfasst.

    Peinlich, dass das ifb sich diese Ansicht zu Eigen macht.

    Kommentar von: Martin – am 15. Januar 2010 um 11:39

  3. Was hat der ifb-Beitrag mit Polemik zu tun? Zu kritisieren ist doch wirklich, dass es oft nur ein entweder-oder gibt. Jetzt gibt es die Bewerbungsmappe, künftig NUR noch die Online-Bewerbung. Wieso kein Pluralismus? Wieso nicht die Online-Bewerbung als zusätzliche Möglichkeit? Nicht jeder möchte sich in einem Sozialnetzwerk registrieren (es lebe der gläserne Bürger), wo es gelegentlich Datenschutzpannen gibt (so wie jüngst bei SchülerVZ). Man sollte auch nach Berufsgruppen differenzieren: Wer ohnehin für den ausgeschriebenen Job PC-Kenntnisse mitbringen muss, von dem kann man auch eine Online-Bewerbung erwarten. Aber der einfache Lagerarbeiter sollte nicht dazu genötigt werden, wenn er es denn nicht will (oder kann). Immer schön die Kirche im Dorf lassen und nicht Menschen aussondern.

    Kommentar von: carsten – am 15. Januar 2010 um 13:11

  4. Bin so beharlich, nicht mit ins Internet zu gehen, sollte die Gesellschaft wirklich so weit gehen, gehe ich halt vor die Hunde. Jedoch meine Wohnung wird nicht infiziert von Viren und Trojanern. Ich will zumindest zu Hause in Frieden gelassen werden…..per Comuter schreibe ich meine Briefe jedoch nur gehen diese auf „altmodischem“ Weg per Post in die Welt; und die Post soll doch eine Existenzbewahrung verspüren und weiter leben, oder?
    Gruß Ludmilla

    Kommentar von: Ludmilla T. – am 15. Januar 2010 um 13:36

  5. Das waren wirklich noch Zeiten, als man sich noch vor dem Schreiben überlegt hat, was anschließend zu Papier gebracht wurde.

    Und heute – massenhaft dümmliche E-Mails in noch schlechterem Deutsch oder gar (D)Englisch, das mit Google übersetzt wurde.
    Profile in sog. sozialen Netzwerken, in denen Menschen ihr Innerstes nach Aussen kehren, ohne über die Folgen nachzudenken. Was im Internet einmal hinterlegt ist, ist kaum noch korrigierbar. Selbst wenn die Originaldaten gelöscht werden, das Internet vergisst nichts. Eine falsche Aussage in einem Forum kann einen lebenslang Schaden bringen. Arbeitgeber suchen bereits jetzt gezielt nach Informationen über Bewerber im Internet – überall. Und das soll die Bewerbungschance erhöhen?

    Eine Bewerbung soll, so meine Erinnerung aus früheren Zeiten, eine Empfehlung sein, eine Darstellung der fachlichen UND persönlichen Qualifikation und nicht ein „hirnloses“ Ausfüllen eines Online-Formulars.

    Wenn das so weiter geht, dann wird man sich seinen Lebenspartner auch geschlechtsneutral und ohne Angabe von Alter, Familienstand, Kindern, Religion und natürlich ohne Foto und vollständig nach AGG aussuchen müssen.

    Kommentar von: Michi – am 15. Januar 2010 um 15:28

  6. Diese Entwicklung hat etwas mit der Abqualifizierung der zuständigen „Personal-Abteilung“ heute „Department of Human Resources“ und der dort tätigen Verantwortlichen zu tun.

    Machte sich eine Führungskraft der Personalabteilung anhand der Bewerbungs-Unterlagen und des persönlichen Auftretens des Bewerbers ein „Bild“ desjenigen, prüfte auf diese Weise, ob jemand authentisch auftrat, ins Team „passte“ übernahm er auch die Verantwortung, jemanden einzustellen, der vielleicht nicht die besten Zeugnisse mitbrachte, der aber aufgrund seines Gesamtbildes am geeignetsten erschien.
    Führungskräfte von heute – und das kann ich aus langjähriger Erfahrung im Mangament eine US Konzerns sagen – haben trotz „Master“ oder Bachelor“ Studiengang weder das Rüstzeug noch die Motivation an solch mühevoller und verantwortungsvoller Vorgehensweise.

    Unter den vielen Online-Bewerbungen kann man – computergestützt – die vermeintlich beste heraussuchen, den 1er Kanidaten mit 26 Jahren, der schon 15 Jahre Berufserfahrung in 8 verschiedenen Bereichen sammeln konnte.

    Und dafür muss ich als Führungskraft nicht einmal Verantwortung übernehmen, denn das war der objektiv herausgefiltert „beste Bewerber“.

    Habe ich mehrere solcher „guten“ Bewerber übernehme ich als Führungskraft immer noch keine persönliche Verantwortung, sondern führe im Rahmen eines Assessment-Center (AC) durch eine externe Personalberatung ein Auswahlverfahren durch.

    Dann habe ich den vermeintlich „besten Kanidaten“ gefunden……und wenns schief geht, lags am System, der Personalberatung usw.

    Das ist sicher einer der Gründe, warum familiengeführte Unternehmen die Krise mit besseren Mitarbeitern gemeistert haben und auch alles dransetzen, keinen Mitarbeiter – trotz Wirtschaftskrise – zu verlieren.

    Solche Unternehmen greifen i.d.R. noch auf die Bewerbungsmappe zurück und filtern im persönlichen Gespräch. Allerdings übernehme ich als Personal-Leiter dann auch die Verantwortung, wenn ich mich tatsächlich habe täuschen lassen. Damit das nicht passiert, werden gute Personal-Leiter immer wieder weiter qualifiziert.

    Und wenn Martin schreibt: „Der Arbeitnehmer von heute pflegt schon lange sein „Online-Profil“, zeigt es einmal mehr eine Entwicklung in die falsche Richtung. Ich kenne die „Online-Profile“ einiger Mitarbeiter und Führungskräfte – die Plattformen will ich hier gar nicht aufführen. Deren Wahrheitsgehalt hält keiner Überprüfung statt.

    Lothar

    Kommentar von: Lothar – am 15. Januar 2010 um 18:13

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