von Caroline am 16.05.2007, 08:50 Uhr , Kategorie: Allgemein

Ein Satz, den jeder Jurist im Verlaufe seines Studium zu hören bekommt lautet: ?Auf hoher See und vor Gericht sind wir allein in Gottes Hand.? Dieser Satz enthält leider eine Portion Wahrheit. Woher kommt es eigentlich, dass ich nie so genau weiß, ob ich mich vor dem Richter mit meinem Anliegen durchsetzen werde oder nicht? Hier ein Beispiel:
 
Lange hatten wir darauf gewartet und dann, am 14.08.2006 wurde die endgültige Fassung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) wirklich Gesetz. Und endlich war klar, dass man nichts und niemanden mehr ungestraft diskriminieren darf. Tja, dachten wir. Aber!! Einige von Ihnen haben es ja schon in unserem Tagesseminar AGG gehört, das mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz und dessen Anwendbarkeit bei Kündigungen war von Anfang an nicht so richtig ausgereift:
 
In § 2 Abs. 4 AGG steht, dass für Kündigungen ausschließlich die Bestimmungen des allgemeinen und besonderen Kündigungsschutzes Anwendung finden.
 
Gleichzeitig allerdings fand der Gesetzgeber es angebracht, in § 2 Abs. 2 AGG darauf hinzuweisen, dass Benachteiligungen bei Beendigung eines Beschäftigungsverhältnisses unzulässig sind. In § 10 AGG wurde dann u.a. noch erklärt, dass eine unterschiedliche Behandlung gelegentlich –  zum Beispiel bei der Sozialauswahl anlässlich einer betriebsbedingten Kündigung – gerechtfertigt sein kann.  
 
Ja, was denn nun? Findet das AGG im Zusammenhang mit einer Kündigung Anwendung oder nicht? So genau wusste man das nicht.
 
Wie kann so was denn passieren? Man erzählt sich, die Gesetzesfindung hätte sich doch einige Zeit hingezogen und dadurch bedingt, haben immer wieder die verschiedensten Personen an dem Text herumgebastelt. Und wie überall im Leben gilt auch hier der Satz: Viele Köche verderben den Brei. Einer der ?Köche? hatte übersehen, dass zum Thema Kündigung eigentlich schon was in dem Gesetzesentwurf steht und verlieh einfach seiner komplett entgegengesetzt lautenden Meinung auch deutlich Ausdruck. Der Widerspruch fiel leider erst nach Inkrafttreten des Gesetzes auf.
 
An dieser Stelle hätte man schon mal wegen Diskriminierung im Zusammenhang mit  einer Kündigung munter darauf los klagen können, ohne zu wissen, welches Gericht wie  entscheiden wird.
Das Problem wurde durch Gesetzesänderung vom 11.12.2006 behoben. Der Gesetzgeber hat sich darauf verständigt, dass Rechtsstreitigkeiten bei Kündigungen auch zukünftig nur nach dem allgemeinen und besonderen Kündigungsschutz zu entscheiden sind. 
 
Natürlich kam es, wie es kommen musste: Obwohl der Gesetztext jetzt eindeutig ist, hat gerade eben ein deutsches Arbeitsgericht im Rahmen eines Kündigungsschutzprozesses entschieden, dass die Kündigung wegen Verstoßes gegen das AGG unwirksam ist (Arbeitsgericht Osnabrück, Urteil vom 05.02.2007 / Mehr hierzu können Sie in unserem neuen Newsletter für den Monat Mai 2007 nachlesen).
 
?Was läuft jetzt wieder falsch??, werden sich sicher einige unter Ihnen fragen. Ganz einfach: Der Gesetzgeber konnte sich letztendlich zwar doch noch einigen, was er eigentlich regeln will, nämlich, keine Anwendbarkeit des AGG im Zusammenhang mit Kündigungen. Beim Treffen dieser Entscheidung hat er aber einfach mal die EU-Rahmenrichtlinie 2000/78/EG ignoriert. Diese, dem AGG zu Grunde liegende Richtlinie, bezieht sich unstreitig auch auf die Beendigung von Arbeitsverhältnissen. Kenner unseres Seminars AR I werden an dieser Stelle sicher gleich einstimmig das Wort ?Normenhierarchie? rufen. Da steht ganz oben: EU-Recht hat immer Recht.
Das finden auch Andere. Nach überwiegender Ansicht der deutschen Arbeitsrechts-Juristen ist die Vorschrift des § 2 Abs. 4 AGG (siehe oben) europarechtswidrig und einer dieser Juristen, nämlich die Vorsitzende Richterin des Arbeitsgerichtes Osnabrück, hat das jetzt mal zum Ausdruck gebracht. Sie schreibt in ihrem Urteil: ?Die Vorschriften des AGG finden auf die Kündigung trotz der in § 2 Abs. 4 AGG geregelten Ausnahme Anwendung?.
 
So, der Arbeitgeber der dem Arbeitsgerichtsprozess im genannten Fall wegen der eindeutigen Formulierung des Gesetzes sicher gelassen entgegen sah, wurde eines Besseren belehrt. Auch wenn es im Gesetz steht, muss es noch lange nicht richtig sein und schon gar nicht muss sich jeder Richter einer ?Gesetzesmeinung? auch anschließen. Das Ende ist allerdings noch offen, der Weg in die nächste Instanz frei.
 
Und was lernen wir daraus? Nicht immer haben wir einen schlechten Juristen vor uns, nur weil wir ein Klageverfahren verloren haben. Manchmal läuft es in der Juristerei leider frei nach dem Motto: ?Was stört mich mein Geschwätz von gestern?.
 
Aber zumindest bleibt?s spannend und Richter, Anwälte und auch wir als Fortbildungsinstitut zum Thema ?Arbeitsrecht? finden dadurch einen Teil unserer Daseinsberechtigung.
 
Schöne Woche noch und viel Spaß bei Ihrer Arbeit wünscht Ihnen
 
Ihre Sonja

 



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 16. Mai 2007 um 08:50 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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