Arzt spricht mit PatientBisher war es recht einfach. Man fühlte sich krank, also ging man zum Arzt. Dieser diagnostizierte etwas und stellte die Arbeitsunfähigkeit fest. Man erhielt einen gelben Schein, den schickte man an den Arbeitgeber. Dann ging man ins Bett und irgendwann war man hoffentlich wieder gesund.

Bald könnte das alles anders ablaufen. Denn in Zukunft wird sich der Arzt einen Patienten, wenn er denn Arbeitnehmer ist, viel genauer anschauen als bisher. Schließlich könnte er entscheiden, dass der Patient tatsächlich gar nicht krank, sondern nur etwas teil-krank ist. Zum Beispiel nur zu 50%. Die Folgen: Die Arbeitsbefreiung liefe dann auch nur über 50%. Und ein mögliches Krankengeld würde sich ebenfalls entsprechend reduzieren.

Die Vorschläge eines Sachverständigenrats im Auftrag der Bundesregierung verblüffen. Sein Vorsitzender Ferdinand Gerlach erklärte, dass die Änderungen „das System flexibler und alltagstauglicher machen würden„. Dazu sein Beispiel aus der Praxis: Der Dachdecker mit gebrochenem Fuß könnte anstatt aufs Dach zu steigen, zumindest halbtags im Büro arbeiten. Na da wird sich der Arbeitgeber aber freuen, wenn die halb-kranken Kolleginnen und Kollegen plötzlich allesamt fachfremde Aufgaben auf nicht existierenden Arbeitsplätzen ausführen sollen.

Worin die angepriesene Flexibilität für Arbeitnehmer liegt und welche Vorteile ihnen die Neuregelung bietet, bleibt erstmal unklar. Sehr greifbar sind dagegen bereits jetzt die Nachteile, denn der Druck auf die Beschäftigten wird durch derartige Regelungen unweigerlich zunehmen. Bereits beim Arztbesuch geriete man als Kranker zukünftig in eine Art Verhandlungssituation: 100% oder vielleicht doch nur 75%? Oder sogar nur 50? Wieviel soll’s denn sein? Und anschließend geht es dann mit der Rechtfertigung bei den Kollegen und Vorgesetzten weiter: Denn mit nur 25% teil-krank ist man ja eigentlich gefühlt noch ziemlich gesund und mit 50% irgendwie noch nicht so richtig voll-krank. Wie krank aber ist krank?

Im Hintergrund stehen massive Kostensteigerungen beim Krankengeld. Nach 6 Wochen Krankheit übernehmen hier die Krankenkassen. Diese ächzen unter steigenden Lasten. Nach knapp 6 Milliarden Euro Kosten im Jahr 2007, mussten 2014 bereits 10,6 Milliarden an entsprechenden Leistungen erbracht werden. Die vorgeschlagene Neuregelung würde somit vor allem den Kassen nützen. Aber das dürfte ja auch bezweckt sein.

Unterm Strich erweisen sich die Vorschläge jedenfalls als zu 50% unausgegoren, zu 75% praxisfern und darüberhinaus zu vollen 100% als sozialunverträglich. Dennoch: Der Angriff auf die sozialen Systeme und Standards hat schon vor längerer Zeit begonnen. Dies hier dürfte ein Teil davon sein. Da wird noch einiges kommen.

Quelle: Süddeutsche Zeitung / betriebsrat.de – Bildquelle: © rocketclips – fotolia.de



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 08. Dezember 2015 um 16:32 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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10 Comments »

  1. Was für ein schlechter Kommentar – es fehlt bereits am einfachsten Textverständnis.

    Auch dem Schreiber sollte evtl. mal auffallen, dass eben nicht jede Erkrankung zu einer Arbeitsunfähigkeit führt. Derzeit ist es jedoch so, dass (fast immer) eine Erkrankung zu einer Arbeitsunfähigkeit führt – und nicht so ganz selten eine vorgespiegelte Erkrankung genauso.

    Und was ist daran verkehrt, den Dachdecker mit dem gebrochenen Fuß nicht im Büro einzusetzen, wenn dieses arbeitsvertraglich möglich ist? Was ist verkehrt daran, die Sekretärin mit einer gebrochenen Hand wenigstens noch den Telefondienst und Botengänge übernehmen zu lassen? Und nur hierum geht es. Schade, dass der Schreiberling in seinem blinden Aktionismus das nicht gesehen hat…

    Kommentar von: D.H.N. – am 09. Dezember 2015 um 14:41

  2. Der \“Schreiberling\“ hat mehr richtig gesehen als falsches weggelassen zu haben. Was soll der Dachdecker oder sonstige Industriefacharbeiter im Büro? Mal eben EDV gestützte Buchführung machen, für die andere eine Ausbildung brauchen? Und welchen Telefondienst oder Botengänge soll die Sekretärin machen? Wer macht diese Sachen denn sonst? Der \“Schreiberling\“ hat die Absurdität dieser Gedankenspiele trefflich entlarvt und ein Missbrauch des Systems ist damit auch nicht zu verhindern. Hier wird dem blöden Bürger versucht zu erklären, dass die sinnvolle und stundenweise Wiedereingliederung (Hamburger Modell)beliebig auf irgendeinen Zeitpunkt der Erkrankung, wenn es sein muss ab dem ersten Tag,verlegt werden kann.

    Kommentar von: Torben S. – am 10. Dezember 2015 um 12:11

  3. Ganz ehrlich, ich hätte mir das nach meiner letzten OP gewünscht. Leider konnte ich lange nicht den ganzen Tag (7h) sitzen. 3-4h ging aber gut. Da „Teilkrankschreibung“ nicht möglich war musste ich lange ganz zu hause bleiben. Natürlich gibt es wie immer Missbracuhsmöglichkeiten. das kann niemand verhindern. Ich finde auch nicht das Fachfremde arbeiten in der „halb kranken“ Zeit gemacht werden sollen. Der Dachdecker mit gebrochenem Bein soll seine Bein schön auskurieren bis er wieder sicher aufs dach kann. Aber wenn ich in meinem Bürojob 3-4h mit meinem Gibs sitzen kann aber noch keine 7-8h Warum soll ich dann nicht wieder zur Arbeit? Das ist doch eine Win-Win Situation. Ich fühle mich nicht mehr überflüssig und mein Arbeitgeber freut sich das nicht so viel liegen bleibt. Und die Kasse freut sich auch noch. Es kommt wie immer auf das richtige Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient an.

    Kommentar von: Elke S. – am 11. Dezember 2015 um 12:52

  4. der „schreiberling“ hat zu 100% Recht.Ich bin froh das es Menschen und Betriebsräte in diesem Land gibt, die solche asozialen Ideen erkennen und warnen.
    die umsetzung dieses Teilkrankschreibungsgedönses würde uns auf lange Sicht gesehen, noch tiefer in die Sklaverei versetzen.
    Elke, wenn du nicht weißt, mit der Zeit was sinnvolles anzufangen als zur arbeit zu gehen, würde ich mir an deiner stelle zusammen mit einem therapeuten intensive gedanken machen.
    Danke an den Schreiberling und auch an Torben S.

    Kommentar von: miras – am 12. Dezember 2015 um 08:55

  5. „m Hintergrund stehen massive Kostensteigerungen beim Krankengeld. Nach 6 Wochen Krankheit übernehmen hier die Krankenkassen. Diese ächzen unter steigenden Lasten. Nach knapp 6 Milliarden Euro Kosten im Jahr 2007, mussten 2014 bereits 10,6 Milliarden an entsprechenden Leistungen erbracht werden.“

    Diesen Ausgabenanstieg wird man wohl vorrangig darauf zurück führen müssen, dass insbesondere psychische Erkrankungen in den letzten Jahren zu einem massiven Anstieg von Arbeitsunfähigkeitszeiten geführt haben. Ebenfalls vorne mit dabei sind gestiegene Fehlzeiten, die auf Erkrankungen im Muskel-/Skelett System zurückzuführen sind.

    Warum ich das schreibe? Weil Vorbeugung und gezielte innerbetriebliche Gesundheitsfürsorge aus meiner Sicht einen wesentlich größeren Beitrag zur Kostenreduktion leisten könnten. Haben wir nicht alle gelernt „Vorbeugen ist besser als heilen“?
    Warum schafft man keine Strukturen, in denen Krankenkassen verpflichtet werden, das Gespräch mit AG zu suchen, deren AN überdurchschnittlich hohe krankheitsbedingte Fehlzeiten haben.
    Diese Arbeitgeber sollten ebenso verpflichtet sein, solche Gespräche führen zu müssen.
    Die Gründe für den hohen Krankenstand müssen/können evaluiert und abgestellt weden.

    Sich jetzt einfach nur das schwächste Glied der Kette = AN rauszupicken und über Teil-Arbeitsunfähigkeiten nachzudenken, halte ich für ziemlich verfehlt. In Einzelfällen mag das zielführend sein, birgt aber eine Menge Fallstricke!

    Was ist mit den Teilzeit-ArbeitnehmerInnen, die pro Tag vielleicht nur 3-5 Stunden arbeiten?
    Was passiert, wenn ein Arzt eine womöglich nur 50%ige AU bescheinigt?
    Müssten diese AN dann tatsächlich für 1,5 – 2,5 Stunden am Arbeitsplatz erscheinen?
    Ich halte das für unzumutbar und bin mir ziemlich sicher, dass Arbeitsgerichte im Klagefall ebenso entscheiden würden, so sich AN aufgrund einer Teil-AU für weniger als drei Stunden am Arbeitsplatz einfinden müssen. Hier wäre aus meiner Sicht der § 12 TzBfG analog anzuwenden.
    Mal abgesehen davon, dass Pendelzeiten lt. § 121 Abs.4 SGB III von mehr als 2 Stunden i.d.R. unzumutbar sind, wenn die Arbeitszeit max. 6 Stunden beträgt.
    Mir ist klar, dass diese gesetzlichen Regelungen auf anderen Grundlagen beruhen, aber man kann sie auch nicht negieren!

    Meine größte Befürchtung ist, dass hier sehr starke Partner im Gesundheitssystem (Krankenkassen) ihre Machtposition gnadenlos ausspielen und Änderungen des EntgFG mit heißer Nadel gestrickt werden, ohne die Konsequenzen wirklich zu Ende zu denken! Die KK werden insbesondere einen „Joker“ ausspielen, der da heißt „Beitragsstabilität“!
    Dass jetzt die ersten großen KK Beitragserhöhungen beschlossen haben, stärkt letztendlich deren Verhandlungsposition!

    Kommentar von: Kokomiko – am 12. Dezember 2015 um 11:34

  6. Die Frage ist doch, ob ich wirklich genauso schnell genese, wenn ich „Teilzeit“-krank bin und mich trotz allem täglich dem Stress durch Pendeln und Arbeit aussetze (wenn auch kürzer), oder ob sich die Genesung dann nicht einfach länger hinzieht, was im Umkehrschluss zu gleich hohen Kosten führen würde.
    Ich befürchte, das Ganze ist eine Milchmädchenrechnung…

    Ich sehe es genauso wie mein Vorredner, es sollte mehr in die Prävention investiert werden, statt an der Heilung zu schrauben.

    Kommentar von: A.R. – am 14. Dezember 2015 um 11:20

  7. Interessantes Thema – diesmal soll es vorrangig zugunsten der Krankenkassen sein.

    Vor knapp 20 Jahren hatten wir ein ähnliches Thema schon einmal. Da sollte es zugunsten der Arbeitgeber sein und betraf das Lohnfortzahlungsgesetz. Der damalige Entwurf sah vor, pro 5 Tage krank nur noch 80% Lohnfortzahlung zu erhalten – hieß im Umkehrschluss, man konnte wieder auf 100% aufstocken, wenn man einen Urlaubstag opferte. Das wurde aber relativ schnell wieder verworfen.

    In beiden Fallen wird eben auch der Arbeitgeber profitieren oder hätte profitiert.

    Aber macht er das nicht heute schon? Ich weiß von Fallen, in denen z. B. gerade bei einem (komplizierten) Fussbruch der Arbeitgeber schon nach kurzer Zeit angefragt hat, wann man den gedenke, vom Home-Office aus wieder zu arbeiten. Der Fluch der digitalen Möglichkeiten! Keine Frage nach dem Befinden und des Fortschreitens der Genesung!

    Sollte es zu einer solchen Gesetzgebung kommen, dann gute Nacht. Der alte Bismarck würde im Grab rotieren, wenn er mitbekäme, was aus seinem Sozialsystem werden soll oder in manchen Dingen schon geworden ist.

    Hoffen wir also, dass man auch bei diesem Thema nochmal gründlich drüber nachdenkt und es dann zum Altpapier schmeisst.

    Kommentar von: B. M. – am 15. Dezember 2015 um 17:35

  8. Also wenn ich diesen Beitrag lese läuft es mir eiskalt den Rücken runter!! Was soll denn der Mist? Allein der Gedanke an eine Teilkrankschreibung ist absolut hirnrissig!!

    Wie sagt man doch so schön: Bischen Schwanger geht nicht. Entweder man ist Arbeitsfähig oder man ist es nicht. Und vorübergehnd jemanden Fachfremd einzusetzten bis er wieder gesund ist ist in der Praxis unmöglich!
    Ich bin selber bei einem Personaldienstleister angestellt( ja auch da gibt es Betriebsräte) und bin dort als Buchhalter bei den Kunden eingesetzt. Wenn ich mir das Vorstelle: da soll ein, durchaus qualifizierter Facharbeiter mit nem gebrochenen Fuß für ein paar Wochen meinen Job machen. Wie soll das gehen? Der Mann hat unter Umständen noch nie Mouse gesehen oder ne E-Mail geschrieben und der soll mal eben im SAP Rechnungen prüfen und erfassen??? Ich kann ja auch nicht so mir nix, dir nix irgend eine CNC-Fräßmaschine bedienen.
    Also da hat wahrscheinlich wieder irgend Einer Langweile gehabt und eine blödsinnige Studie erstellt, die er dann nicht beendet hat (wahrscheinlich weil dem jenigen klar war das es Blödsinn ist).

    Und das wir im Krankensystem eh nur 2 große Lobbis haben die letztendlich sagen was los ist, ist doch mehr als offensichtlich. Das ist zum Einen die deutsche Pharmaindustrie und zum Anderen die Krankenkassen. Alle Anderen dürfen in die Röhre schauen. Ärzte und Patienetn haben zwar die Folgen zu tragen aber haben halt nicht so eine starke Stimme, zumindest hört da die Politik nicht drauf.

    Kommentar von: Stephan – am 16. Dezember 2015 um 13:05

  9. Da werden wir ja wohl in Zukunft mit der Ansage leben müssen: Verehrte Fluggäste, ihr Flugkapitän hatte bei der Landung einen Hustenanfall. Bitte verzeihen sie, dass der Copilot mit seinem eingegipsten Arm nicht eingreifen konnte! Toll.

    Kommentar von: Passagier – am 29. Dezember 2015 um 21:48

  10. Ich bezweifele sehr, dass das funktionieren wird. Wer bestimmt wie krank jemand ist? Kann man
    so etwas in Prozenten ausdrücken? Eventuell fühlt sich der Arbeitnehmer wirklich sehr schlecht
    aber muss doch zur Arbeit kommen weil er durch jemand anderes beurteilt wurde. Es sieht stark
    danach aus, als versuche man Kosten, die durch kranke Arbeitnehmer entstehen, zu senken.
    Sollten Sie mehr über das Arbeitsrecht in den Niederlanden lesen wollne, werfen Sie einen
    Blick auf unseren Blog. Unsere Firma hat viel Erfahrung auf dem Gebiet und schreibt
    regelmäßig über aufsehenerregende Prozesse. [LINK von der Redaktion entfernt. Hinweis: Bitte keine Werbung posten]

    Kommentar von: Laura | Rechtsanwälte in den Niederlanden: AMS Advocaten – am 21. Januar 2016 um 16:32

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