von Peter am 30.11.2010, 16:58 Uhr , Kategorie: Allgemein

Vorstellungsgespräche als Blind-Date“ – so ähnlich lautete ein Beitrag im Betriebsrat Blog vor einiger Zeit. Damals berichteten wir über die Pläne des Bundesfamilienministeriums, neue Wege bei Bewerbungsverfahren gehen zu wollen. Anonym gehaltene Bewerbungen sollen dabei helfen, dass Umstände wie Nationalität, Lebensalter, Geschlecht oder Aussehen nicht mehr länger zu einem schon frühzeitigen Ausscheiden im Bewerbungsverfahren führen. Denn das ist die tägliche Diskriminierung im Personalbüro: Stimmt schon der Klang des Namens eines Kandidaten nicht mit den Vorstellungen des Entscheiders überein, dann schaut er sich den Rest der Bewerbung gar nicht mehr an. Und verpasst damit womöglich den Besten von allen. Der wiederum schaut in die Röhre, öfters vermutlich.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat Ende November nun offiziell das Pilotprojekt „Anonymisierte Bewerbungsverfahren“gestartet. Mit dabei sind fünf große Unternehmen sowie drei öffentliche Arbeitgeber. Für einen Zeitraum von 12 Monaten werden dort für 225 zu besetzende Arbeitsplätze sämtliche eingehenden Bewerbungen in der Vorauswahl anonym behandelt. Es gibt drei Möglichkeiten, wie das geschehen wird:

  • per anonymisierten Online-Bewerbungsbogen, der speziell für ein Unternehmen angefertigt wird
  • per standardisiertem Bewerbungsformular, das einen Fragebogen enthält
  • per nachträglicher Anonymisierung, zum Beispiel durch Schwärzen bestimmter Stellen

Im Projekt werden alle Varianten getestet. Das Ziel lautet: Eine Einladung zum Vorstellungsgespräch soll ausschließlich aufgrund der Qualifikation des Bewerbers erfolgen.

Die Deutschen fänden solche Blind-Date-Bewerbungen grundsätzlich prima: Immerhin 56% sollen sich in einer Umfrage für ein solches Verfahren ausgesprochen haben. In anderen Ländern wie den USA herrschen da schon seit langem ganz andere Sitten: Hier ist es geradezu verpönt, sich mit einem Foto zu bewerben.

Die Antidiskriminierungsstelle will ausdrücklich nicht die Einführung einer gesetzlichen Regelung erreichen. Sie setzt vielmehr auf Überzeugung, sie will neue Möglichkeiten aufzeigen, um so die Bewerbungskultur hierzulande in eine diskriminierungsfreiere Richtung zu stoßen. Nur: Hürden im Kopf, auch als Vorurteile bekannt, lassen sich meist nur sehr schwer beseitigen. Aber unmöglich ist es nicht. Noch lautet die überwiegende Kritik: Das kostet alles nur unnötig Zeit und Geld, sowohl den Arbeitgeber als auch den Arbeitnehmer. Der Chef sortiere dann halt erst im Bewerbergespräch aus und ärgert sich über seine vertane Zeit. Und auch der Bewerber sei dann unnötig erschienen. Aber so einfach sollte man es sich nicht machen: Denn es geht nicht nur um den Personaler, der prinzipiell nun mal keine Ausländer einstellen mag. So was soll’s ja leider geben. Der wird das sicher auch im anonymisierten Verfahren nicht machen. Es geht vielmehr um die vielen anderen Entscheider, die an sich nach pragmatischen und nachvollziehbaren Kriterien einstellen, also vor allem danach, was jemand kann. Das Problem ist nur: Diese Entscheider haben, wie wir alle, auch ihre kleinen und größeren Schranken im Kopf. Das wird einem oft gar nicht richtig bewusst. Schubst man so jemanden nur ein wenig in die richtige Richtung und setzt ihm diesen  Bewerber, dessen Foto er eigentlich doof fand, ins Büro, dann eröffnen sich vielleicht für alle ganz  neue Perspektiven. Kompetent, aber chancenlos? Das ist möglicherweise schon bald vorbei.

Lese-Tipp: „Wenn Bewerber etwas gleicher sind als andere“ (Reportage auf  „Zeit Online„)

Download: FAQ’s zum Projekt der Antidiskriminierungsstelle (pdf-Datei, 105 kb)

Peter



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 30. November 2010 um 16:58 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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