Keine schöne Situation: Mit 450 Fahrgästen an Bord blieb ein ICE an Ostern auf seinem Weg von München nach Dortmund in einem Tunnel liegen. Der Grund: Ein paar Vögel hatten die Oberleitung beschädigt. Vier Stunden lang ging nichts mehr. Was tat der Lokführer? Twittern! Sein erster Tweet lautete: „Ein Knall, ein Lichtbogen und schon steht der ICE 528“ gefolgt von „Das sieht nach länger aus, oh, oh.“ Bis hierher ein eher ungewöhnliches Verhalten, aber warum nicht? Twitter ist web 2.0, twitter gilt als schnellstes Medium der Welt zur Verbreitung von Nachrichten. Schnell Nachrichten verbreiten? Ist die Bahn nicht gerade berühmt dafür. Insofern hätte dem Kollegen Lob gebührt: Nie war man schneller mit passgenauen Infos! Und: Neue Wege beschritten. Richtig erfasst, richtig angewendet. Nicht übel.

Doch der Kollege hörte nicht auf. Bestimmt saß er ganz allein in seinem Cockpit, zur Untätigkeit verdammt und da gehen einem die tweets vermutlich schon etwas lockerer aus der Hand. Etwas später schrieb er dann: „Die wollen die Leute evakuieren, ohne zu wissen, was da oben mit der Oberleitung los ist. Oh Mann lass Hirn regnen.“ Hier bekommt die Sache eine arbeitsrechtliche Dimension. Mit „die“ waren natürlich seine Kollegen gemeint, die sich von außen redlich mühten, den Zug wieder flott zu kriegen. Und der Spruch mit dem Hirn riecht nach Beleidigung. Seine Kollegen zu beleidigen, der Chef bleibt für diesmal außen vor, das geht bei aller Liebe nicht. Da ist schnell Raum für eine Kündigung: Fristlos nach § 626 BGB etwa, vor allem aber ordentlich, also fristgemäß, weil sowas meistens ziemlich verhaltensbedingt im Sinne von § 1 KSchG rüberkommt.

Geht ein solcher Fall dann vor Gericht, sollte man wissen, dass die Entscheidung sehr stark vom Einzelfall abhängig ist. Der Arbeitnehmer, der bei Facebook seinen Kollegen öffentlich als „Klugscheißer“ bezeichnet, kommt bei dem einen Arbeitsgericht damit gerade noch so durch (Arbeitsgericht Duisburg, Urteil vom 26.09.2012 – 5 Ca 949/12). Anderswo gehört ein derart ruppiger Ton vielleicht nicht zum firmenüblichen Vokabular, weswegen eine Kündigung gerechtfertigt sein könnte. Man stelle sich zwei Bankmitarbeiter am Schalter vor, die sich in Anwesenheit von Kunden die Schimpfwörter um die Ohren hauen. Auf dem Bau wird man das vielleicht entspannter sehen (vielleicht aber auch nicht, die Kollegen dort wissen zumeist, was sich gehört!!). Stichwort: Umgangston in einer Branche. Und über die in vielen Fällen notwendige vorherige Abmahnung haben wir noch gar nicht gesprochen. Man sieht: Hier ist viel Individuelles zu beachten.

Die Sache mit dem Lokführer und seinem Wunsch, den an der Stromleitung schuftenden Kollegen mehr Gehirnschmalz zur Verfügung zu stellen, dürfte vermutlich kein arbeitsrechtliches Nachspiel haben. Mehrere Aspekte sind zu beachten: Die fehlende Identifizierung von Personen im tweet,  das Vorliegen einer Notsituation, die „Schwäche“ der Beleidigung an sich („Mann lass Hirn regnen“ – na ja…). Andererseits ist es nicht unrelevant , dass über twitter nun die halbe Welt theoretisch zumindest Bescheid weiß, egal wieviele das im Zug mitbekommen haben. Und jetzt schreibt auch noch die Süddeutsche im Internet darüber. Einen Rüffel wird’s bestimmt geben. Und eine Schulung über „Richtiges Verhalten in Social Media“ auch. Aber damit sollte es gut sein.

Wir vom Betriebsrat Blog sind auch bei twitter und würden dem Kollegen gerne folgen. Wer verrät seinen Twitternamen?

Seminartipp für Betriebsräte: Facebook, Twitter & Co.: Rechtliche Grundlagen und Mitbestimmung bei Sozialen Medien im Betrieb

Bildquelle: @ Berc – iStockphoto



Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 04. April 2013 um 14:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Comments »

  1. Sein Twittername lautet @okonow

    Kommentar von: RAin Bremen – am 04. April 2013 um 14:45

  2. Hier nähere Infos:

    http://www.n-tv.de/panorama/Zugfuehrer-twittert-ICE-Desaster-article10395541.html

    Kommentar von: P.Haefker – am 04. April 2013 um 17:28

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