Karin Müller arbeitet als Sachbearbeiterin bei einer großen deutschen Versicherung. Karins Mutter ist knapp 80 Jahre alt. Vor kurzem stürzte sie unglücklich und brach sich das Bein. Seitdem ist die bisher recht rüstige alte Frau körperlich eingeschränkt und benötigt Unterstützung bei vielen Dingen des täglichen Lebens. Für ihre Tochter eine ganz klare Sache: Sie kümmert sich nun verstärkt um die Mama. Nur: Ihr beruflicher Alltag läßt nicht sonderlich viel Flexibilität zu. Und dann ist da auch noch die eigene Familie. Wie gut wäre es, wenn man sich in so einer Situation vorübergehend von der Arbeit freistellen lassen könnte. Nun ja, das geht! Denn das neue Pflegezeitgesetz, das seit 1.1.2015 in Kraft ist, gewährt genau darauf einen Rechtsanspruch. Aber Karin Müller zögert. Sie hat Bedenken, dieses Recht in Anspruch zu nehmen. Sie fürchtet langfristig Nachteile im Job.

So oder ähnlich geht es scheinbar vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Dabei setzt das neue Pflegezeitgesetz prägnante Marken. Es erhebt den Anspruch, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie deutlich zu verbessern. Und das ist dringend notwendig, denn: Mehr und mehr Menschen sind direkt oder indirekt von Pflegebedürftigkeit betroffen. Zwar gab es auch bisher schon gesetzliche Regeln, die in solchen Lebenssituationen Hilfe boten. Diese wurden aber kaum in Anspruch genommen. Viel zu viel war freiwillig, zu unbestimmt oder in der Realität mit handfesten Nachteilen behaftet.

Ob der neue gesetzliche Rechtsanspruch, den es seit 2015 gibt, viel ändern wird, ist leider fraglich. Zwar sind nun erstmalig auch Lohnersatzleistungen vorgesehen. Doch die Hürden, diesen Anspruch geltend zu machen, scheinen für viele offenbar recht hoch.

Für ihre Studie ‚Vereinbarkeit von Pflege und Beruf‘ hat die Berliner Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) im November 2014 mehr als 2.000 Beschäftigte befragt. Liest man das Ergebnis der Untersuchung, so erwachsen Zweifel, ob das neue Gesetz viel bewirken wird. Immerhin zwei Drittel der Befragten (64%) nannten die ‚Sorge um den Arbeitsplatz‘ als hauptsächlichen Grund, die persönliche Pflegesituation am Arbeitsplatz schlicht und einfach für sich zu behalten, also dem Arbeitgeber überhaupt nichts mitzuteilen. Und 72% schätzen die allgemeine Vereinbarkeit von Beruf und Pflege persönlich auch weiterhin als schlecht oder sogar als sehr schlecht ein.

Das beste Gesetz bringt – wie so oft – wenig, wenn Angst vor Inanspruchnahme aber auch Nichtwissen über die Möglichkeiten dominieren. Was meistens hilft, ist Information und Beratung. Ideal wäre dabei natürlich eine gemeinsame Erklärung von Arbeitgeber und Betriebsrat mit dem Hinweis auf die neuen Möglichkeiten des Pflegezeitgesetz, verbunden mit der positiven Botschaft: „Nehmt es bitte in Anspruch“. Ziert sich der Arbeitgeber, kann der BR immer noch seine eigenen Infokanäle nutzen, um die Belegschaft aufzuklären und auch um ein Signal zu senden, den Betroffenen als Unterstützer zur Seite zu stehen. Damit die Angst nicht dominiert!

Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege im Volltext (pdf)

Besser informiert mit dem Tagesseminar des ifb für Betriebsräte zum Pflegezeitgesetz

Bildquelle: © Pamela Moore – iStockphoto



Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 22. Januar 2015 um 15:15 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein, Familienfreundl. Betrieb, Pflegezeit, Pflegezeitgesetz abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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