von Peter am 28.10.2010, 12:02 Uhr , Kategorie: Arbeitsmarkt, Leiharbeit

Die Regierung jubelt: Das erste Mal seit soundsoviel Jahren sei die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen gesunken. Gut gemacht möchte man da sagen, ein Gruß geht an die dortige Public Relation-Abteilung, die macht ihren Job prima. So posaunt Kult-Mutti Ursula von der Leyen, amtierende Arbeitsministerin, die Nachricht öffentlichkeitswirksam zum einjährigen Koalitionsgeburtstag entgegen jahrzehntelangen Abmachungen, dass nämlich eigentlich die Bundesagentur für Arbeit  ihre Zahlen selbst verkündet, in die Medienlandschaft, um sofort von einigen der wichtigsten Meinungsmachern im Lande beklatscht zu werden („beste Nachricht seit Jahren„).

Wo aber sind sie hin, die Arbeitslosen? Alle in Lohn und Brot? Schön wär’s! Bereits im März 2008 haben wir im Betriebsrat Blog beschrieben, wie unglaublich dreist bei der Berechnung der Arbeitslosenzahlen getrickst wird. Daran hat sich bis heute nichts geändert, ganz im Gegenteil! Wenn die Bundesregierung also gerade feiert, dass die magische Zahl von drei Millionen unterschritten worden sei, dann erscheint das vor allem als purer Hohn für die rund 1,1 Millionen „Unterbeschäftigten“, wie sie so schön auf Beamtendeutsch heißen. Diese Menschen haben keinen richtigen Job, werden aber aus Gründen welche für an der Realität interessierte Menschen unverständlich bleiben, statistisch nicht mehr erfasst. Die Arbeitslosen über 58 Jahre zum Beispiel, die Ein-Euro-Jobber, die Alleinerziehenden oder auch Arbeitslose die einen Job suchen, der weniger als 15 Stunden die Woche umfasst, nur um einige dieser Gruppen zu nennen. Diese Menschen sind faktisch arbeitslos, werden aber einfach nicht  mitgezählt.

Und was ist mit den vielen neu entstandenen Beschäftigungsverhältnissen? Stimmt, deren Anzahl ist seit einiger tatsächlich angestiegen. Man sollte aber auch ruhig mal genauer hinschauen, wo die vor allem entstanden sind: Im Bereich der Leiharbeit und im Niedriglohnsektor. Das ist deshalb bemerkenswert, weil viele dieser neuen Beschäftigten in ihren Jobs so wenig Geld verdienen, dass sie gezwungen sind, ergänzende staatliche Hartz IV-Aufstockerleistungen beantragen zu müssen, sofern ihr Stolz oder ihr Wissen das zulässt. Arm trotz Arbeit, das ist die Realität. Von Jobwunder keine Spur.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 28. Oktober 2010 um 12:02 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt, Leiharbeit abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

3 Comments »

  1. Und welcher aktuelle Statistik-Trick hat jetzt zu der Verringerung der Arbeitslosenzahlen geführt? Die Berechnung der Arbeitslosenzahlen hat sich doch seit ihrem Beitrag im März 2008 kaum geändert. Damals gab es noch 3,6 Miio Arbeitlose. Oder gab es etwa 600.000 über 58jährige Langzeitarbeitslose?

    Es kommt mir so vor als sei nichts so gut geeignet, um einem Gewerkschafte die Laune zu versauen, wie eine wirtschafltiche Belebung …

    Kommentar von: Dante – am 28. Oktober 2010 um 14:59

  2. Für alle die des Denkens fähig sind.

    Aus der aktuellen Arbeitsmarktstatistik:

    Arbeitslose: 2.945.000, davon
    – 909.000 ALG I
    – 2.037.000 ALG II (Hartz IV);
    5.507.000 Hartz IV-Empfänger,
    davon
    – 690.500 in einer “arbeitsmarktpolitischen Maßnahme”
    – 1.830.000 nicht Erwerbsfähige;
    1.480.000 Menschen in “arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen”,
    40,9 Millionen Beschäftigte
    Davon 28 Millionen sozialversicherungspflichtig
    4,8 Millionen “ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigte” (in der Regel 400 Euro-Jobber)
    Gemeldete Stellen: 401.000

    Als erstes fällt auf, daß zu den offiziell gezählten knapp 3 Millionen Arbeitslosen noch einmal 3,5 Millionen Menschen kommen, die von Hartz IV abhängig sind und weitere 800.000, die in Maßnahmen gesteckt werden, um aus der Statistik zu fallen. (Es sind knapp 1,5 Millionen in solchen Maßnahmen, aber 700.000 wurden hier schon unter ‘Hartz IV’ erfasst). Selbst wenn man nun von den 5,5 Millionen Hartzern die nicht erwerbsfähigen (hauptsächlich Kinder) abzieht, kommt man insgesamt auf mindestens 6,5 Millionen faktisch Arbeitslose. Auf diese Summe kommt man, wenn man zu den offiziell Arbeitslosen noch die “erwerbsfähigen” Hartz IV-Empfänger zählt.

    Kommentar von: Holger – am 29. Oktober 2010 um 08:42

  3. Sagen wir mal so: Würden die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen auf dem Tisch liegen, würde der “Sozialstaat“ sofort aufgelöst.

    Der Sozialstaat wird nur noch “künstlich“ am Leben gehalten, mit dem letzten Rest der Kredite, die an die Milliardäre zurückzuzahlen sind, nebst Zinsen.

    Und da Politiker, wie soviele andere, das Zinssystem nicht verstehen, wird daran auch nichts geändert.

    Wir leben in der neoklassischen Theorie. Und diese kennt nur das Überleben des Reichsten bei natürlicher Auslese der Ärmeren. Dort gibt es nichts soziales. Bei 7 Mrd Menschen auf der Erde undenkbar.

    Kommentar von: itsmee – am 29. Oktober 2010 um 15:39

Leave a comment