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Corona-Konjunkturpaket: Keine Kaufanreize für Verbrenner

Ist das der richtige Weg?

Konjunkturpaket nicht für Verbrennungsmotoren
Bild: Adobe_Stock_ Kurhan

Viele Betriebsräte aus der Automobilbranche kritisieren das Konjunkturpaket zur Corona-Krise, weil es keine Kaufprämien für Verbrenner vorsieht. In der Branche ist die Sorge um die Arbeitsplätze groß. Ist der Ärger berechtigt?

Ein Kommentar des Branchenexperten Dr. Helmut Becker zur unterlassenen Automobil-Kaufprämie im Konjunkturpaket

Der Ärger der Betriebsräte von Daimler und Co. ist verständlich – aber nur dann, wenn man berücksichtigt, dass im Vorfeld des Konjunkturpaketes vom Verband der Autoindustrie (VDA) und den Führungsspitzen der deutschen Hersteller, insbesondere aus Wolfsburg, landauf landab in den Medien völlig falsche Erwartungen geweckt wurden.

Schon im Vorfeld gab es große Uneinigkeit

Zum einen muss man verstehen, dass die Öffentlichkeit diesmal, anders als 2008/2009 mit der Abwrackprämie, grundsätzlich gegen eine besondere Förderung der Autoindustrie eingestellt war. Die Gründe dafür sind hinreichend bekannt. Dabei spielt aber auch eine Rolle, dass sich selbst die Befürworter einer Kaufprämie nicht einig war, welche Art von Automobilen gefördert werden sollte: nur Elektro-Autos und Hybride oder auch solche mit Verbrenner-Motoren? Da herrschte also schon im Vorfeld große Uneinigkeit. Es mangelte an Überzeugungskraft.

Aber das ist nur das schwächste Argument gegen eine Autoprämie. Politische Entscheidungen von so großer gesellschaftlicher Tragweite wie jetzt in der Corona-Krise haben sich am Gemeinwohl der Gesellschaft als Ganzes und nicht an Partikularinteressen einzelner Gruppen oder an der öffentlichen Stimmung zu orientieren. Alle deutschen Ökonomen von internationalem wissenschaftlichen Renommee, angefangen bei Lars Feld, Vorsitzender des Sachverständigenrats, Gabriel Felbermayer vom ifw (Kiel) bis zu Clemens Fuest vom ifo-Institut und viele andere, haben mit sehr guten ökonomischen Argumenten eine gesonderte Förderung der Autoindustrie abgelehnt.

Diese Gründe sprachen gegen eine Neuauflage der Auto-Kaufprämie

Aus Sicht eines langjährigen Ökonomen und Autoexperten haben folgende fünf wichtigen Argumente gegen eine Neuauflage einer Auto-Kaufprämie gesprochen:

  1. Die Automobilkrise 2020 ist mit der von 2009 nicht zu vergleichen. Damals traf die Welt-Finanzkrise die Autoindustrie wie aus heiterem Himmel, ohne eigenes Verschulden mitten in einer Hochkonjunktur. Durch den jähen Absatzeinbruch entstand hoher Nachholbedarf, der damals durch den Kaufanreiz leicht entfesselt werden konnte.
  2. Zu Jahresbeginn 2020 war die Autoindustrie bereits seit einem Jahr im Konjunkturabschwung, der Zyklus-Höhepunkt wurde im Frühjahr 2019 überschritten; der Export verhinderte dazwischen Schlimmeres. Als Folge davon standen bereits bei Ausbruch des Corona-Lockdowns im Februar 2020 eine halbe Million unverkaufter Automobile im Wert von ca. 15 Mrd. € auf Halde. Viele davon Elektroautos mit Mängeln in der Steuerungselektronik, auch deswegen unverkäuflich.
    Die Politik lehnt es daher ab, der Autoindustrie beim Abverkauf ihrer Lagerautos behilflich zu sein.
  3. Die Verkaufsförderung auch von Verbrennerautos, obwohl sie aus Umweltgründen fachlich heute hoch gerechtfertigt wäre (es gilt ja die strenge Abgasnorm Euro 6 d-temp), wäre politisch schwer zu vermitteln gewesen. Das war 2009 völlig anders, da spielte die Diskreditierung der Verbrennertechnologie noch keine Rolle.
  4. Eine zusätzliche Kaufförderung nur für Elektroautos zu den ohnehin bestehenden Kaufanreizen von 6.000 € hätte, weil Flop, keinen einzigen Arbeitsplatz in der Branche gesichert. Die Kunden wollen lieber Verbrenner als Elektroautos. Gründe für die Kaufablehnung sind bekannt: Reichweite klein, Kaufpreis hoch, Tankdauer lang!

    Die Zulassungszahlen für das erste Jahresdrittel 2020 belegen die breite Ablehnung mit brutaler Offenheit. Reine Elektroautos sind bei allen deutschen Herstellern „Rohrkrepierer“: Daimler verkaufte 300 EQC, BMW 1.872 i3, VW 4.857 Elektro-Golf, der ID.3 steht mit Elektronik-Mängeln noch auf Halde.

    Von den 822.000 PKW, die von Januar bis April 2020 in Deutschland neu zugelassen wurden, waren nur 31.000 reine Elektroautos – ein Anteil von 3,8%. Davon kann kein Hersteller Kapazitäten füllen, auch und gerade Vorreiter Volkswagen nicht. Dieses Volumen produziert die Branche in einer halben Woche!
  5. Letzter Punkt: Von einer generellen Kaufprämie profitieren auch Importfahrzeuge. Diese stehen immerhin mit einem Drittel Anteil an den Neuzulassungen in der Statistik!

Beim Verbrenner schlägt das Herz der Branche

Obwohl es also eine Vielzahl guter Gründe für eine Nicht-Kaufprämie im Konjunkturpaket gibt, müssen sich die Beschäftigten der Autoindustrie nicht vernachlässigt fühlen: Sie sind indirekt gut bedacht worden. Denn zum einen kommt die Senkung der Mehrwertsteuer allen privaten Autokäufern zugute, auch bei den Verbrennern. Dies betrifft immerhin 40% der PKW-Neuzulassungen.

Zum anderen stellt die Bundesregierung massiv Mittel zur Förderung innovativer Antriebstechnologien und für die Erzeugung von „grünem“ Wasserstoff und e-Fuels zur Verfügung. Diese e-Fuels sind die Rettung der Verbrennertechnologie, gleich ob Benziner oder Diesel. Je schneller die e-Fuels am Markt sind, desto schneller sind die Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie gesichert. Denn beim Verbrenner schlägt das Herz der Branche.