Das Statistische Bundesamt hat gesprochen: Der Beschäftigungszuwachs 2010 ist zu großen Teilen von der Zeitarbeit getragen. Die Zahl der sog. atypisch Beschäftigten liegt mittlerweile bei 7,84 Millionen Menschen. Unter „atpyisch beschäftigt“ versteht man solche Arbeitsverhältnisse, die in Abgrenzung zu den „normalen“ Beschäftigungen durch eine Befristung, Teilzeit, Leiharbeit oder eine geringfügige Beschäftigung gekennzeichnet sind. Oft wird man solche atypischen Verhältnisse auch mit prekärer Beschäftigung gleichsetzen können. Von prekär spricht man, wenn die ausgeübte Arbeit auf Dauer nicht geeignet ist, den Lebensunterhalt sicherzustellen oder die soziale Absicherung zu gewährleisten. Bei mittlerweile fast acht Millionen solcher Arbeitnehmer ist der atypische Job somit zum Normalfall geworden!

Beeindruckend ist der Anteil, den die atypische Beschäftigung am Zuwachs aller Arbeitsverhältnisse von 2009 auf 2010 hatte. In Zahlen ausgedrückt: In diesem Zeitraum wuchs die Anzahl sog. abhängig Beschäftigter um 322.000. An sich eine prima Sache! Allerdings waren 75 Prozent davon neue atypische Beschäftigungsverhältnisse. Wie bedenklich ist diese Entwicklung nur! Ja, natürlich ist es gut, wenn neue Jobs entstehen! Und nein, es ist überhaupt nicht gut, dass die Inhaber dieser Jobs zunehmend nicht mehr in der Lage sind, ohne staatliche Hilfe sich selbst, geschweige denn ihre Familie zu ernähren.

Es heißt oft, Zeitarbeit und Befristung werden von den Unternehmen gerne als Mittel genutzt, um flexibel auf konjunkturelle Schwankungen zu reagieren. Nur: Die Konjunktur spielt dabei schon lange keine treibende Rolle mehr. Das befristete Arbeitsverhältnis ist nun der Normalfall und die Leiharbeit ist einfach zu praktisch und zu günstig, als dass man sie nur auf diese Situationen begrenzt lassen würde. Die negativen Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung sind in Zahlen nicht ausdrückbar: Denn Verunsicherung über das eigene Leben und die Lebensplanung ist nicht meßbar. Unfassbar: Trotz Job drohen auf breiter Front Armut und Bindungsverluste! Das soziale Netz schwächt sich immer weiter ab. Diese Entwicklung sollte man sich vor Augen halten, wenn man wieder die jubelnden Berichte über den schier unendlich erscheinenden  Daueraufschwung und die angeblich bald erreichte „Vollbeschäftigung“ liest.

Peter

Nachtrag 20.07.: Heute beschäftigen sich auch die nachdenkseiten mit dem Thema. Lesensertes Zitat aus derem Fazit: „Die Hartz-Reformen und das sog. Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zur Erleichterung der Leiharbeit haben den „Erfolg“, dass immer mehr Menschen in atypische Beschäftigung und Leiharbeit abrutschen, dass sie Hebel für das Lohndumping sind und dass gleichzeitig die hohen Einkommen steigen und vor allem die Gewinne explodieren. Und das Ganze noch finanziert durch die Steuerzahler, die die Hungerlöhne mit Milliarden aufstocken müssen, damit die betroffenen Menschen noch existieren und die Unternehmen auf Minilöhnen ihre Geschäftsmodelle aufbauen können. Und ein wichtiges Instrument die Löhne wenigstens vor einem weiteren Absacken absichern zu können, nämlich der gesetzliche Mindestlohn, bleibt für diese Bundesregierung ein Tabu.



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 19. Juli 2011 um 14:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt, Leiharbeit abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

1 Kommentar »

  1. Die Zunahme der Zeitarbeit dürfte auch einen Grund darin haben, dass Entlassungen nur unter Beachtung vieler Formalitäten und Vorschriften – und und unter hohen Kosten möglich sind.
    Bei Zeitarbeiter enfällt das alles.

    Kommentar von: Tourix – am 20. Juli 2011 um 09:37

Leave a comment