von Peter am 16.11.2010, 16:40 Uhr , Kategorie: Arbeitsmarkt

Seit langem liegen sie einem schon in den Ohren, um in ihrem monotonen Singsang von zukünftigen fachkräftearmen Zeiten zu klagen, auf die unsere schwer exportüberlastige Wirtschaftsnation zusteuert. „Dramatisch“ sei die Lücke, die sich da auftun würde, so Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Einen Haufen Geld würde uns der Mangel kosten, allein letztes Jahr hätten fehlende Arbeitskräfte zu sog. Wohlstandsverlusten in Höhe von 15 Milliarden Euro geführt. Wohlstandsverluste – was für ein unsinniges Wort ist das denn schon wieder? Das Thema ist mittlerweile Chefsache, die Bundesregierung hat zahlreiche Maßnahmen im Köcher. Das Ungemach stehe schon vor der Tür: Hier würden zehntausende Ingenieure fehlen und dort Auszubildende. So so. Wenn man etwas nur oft genug vorgesetzt bekommt, dann glaubt man es irgendwann auch. Denn wenn alle darüber schreiben, so auch dieser Blog kürzlich, dann muss es ja stimmen.

Ein Riss in dieser gewaltigen Kampagnenwand tauchte auf, als Manuel Heckmair vor einigen Monaten in Focus Online über das „Märchen vom Fachkräftemangel“ schrieb. Er versuchte dieses zu lüften und wies auf einige sehr interessante Zusammenhänge hin: Je mehr Bewerber auf dem Markt seien, desto weniger attraktiv müssten die Unternehmen ihre Stellen anbieten. Die Forderungen nach mehr ausländischen Fachkräften, wie seit langer Zeit überall erhoben werden, dienen dazu, den Markt in Bewegung zu halten. Der Arbeitsmarkt bleibe so ein Nachfragemarkt, der die Arbeitnehmer vor allem in Hinblick auf Lohnforderungen in die Schranken weise. Fazit: Einen Fachkräftemangel könne, zumindest derzeit, niemand feststellen.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel legt Meinungsmacher Spiegel Online jetzt nach: Das Blatt, das seit langem unerschöpflich darüber berichtete, wie hart unser Land vom drohenden Fachkräftemangel getroffen werde, schwenkt plötzlich auf eine ganz andere Linie ein! „DIW-Experten bezweifeln Mangel an Fachkräften“ so der Titel des heute dort erschienen Artikels. Beim DIW handelt es sich um das renommierte und als ziemlich unabhängig geltende Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Dessen Arbeitsmarktexperten wiederlegen nun nachhaltig die Mär vom Fachkräftemangel. DIW-Forscher Karl Brenke laut Spiegel Online: „Bestimmte Faktoren lassen den klaren Schluss zu, dass von einem grundlegenden Fachkräftemangel keine Rede sein könne.“ Er belegt dies so: Schon ein Blick auf die Gehälter zeige, dass es kein akutes Problem geben könne. Fachkräfte hätten bei der Lohnentwicklung zuletzt nicht besser abgeschnitten als alle anderen, bei Knappheit hätte es aber eine überdurchschnittliche Gehaltssteigerung geben müssen. Auch die Arbeitsmarktstatistik spreche dagegen: Im März etwa waren in fast allen Fertigungsberufen weniger Menschen beschäftigt als im Monat davor. Zwar sinken die Arbeitslosenzahlen, aber in fast allen Branchen gebe es immer noch mehr Arbeitslose als vor der Wirtschaftskrise. Zumindest mehr als es offene Stellen gebe.

Ausnahmen gibt es: Ein Mangel an medizinischem Fachpersonal würde tatsächlich bestehen. Und auch regional sähe es zum Teil nicht immer so gut aus, vor allem in Ostdeutschland seien viele Fachkräfte abgewandert. Beim Paradethema „Fachkräftemangel bei Ingenieuren“ wird von den Arbeitgebern immer besonders wehklagend geschrien. Nur: Die Zukunftsaussichten seien ganz gut, so Experte Brenke. Maschinenbau ist mittlerweile wieder das zweitbeliebteste Studium. Jahr für Jahr würden hier deutlich mehr fertig ausgebildetete Studenten auf den Markt kommen als ältere Arbeitnehmer in Rente gingen. Und auch bei Thema Azubis sei ein Mangel nicht feststellbar, nur bei einigen Dienstleistungsberufen wie Klempner oder Bäcker fänden sich nicht genügend Bewerber.

Tipp: Auf den „Nachdenkseiten“ wurden Meinungen und Erfahrungsberichte aus der Praxis veröffentlicht, die Fachkräfte erlebt haben. Lesen und staunen. Und wundern!

Peter



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 16. November 2010 um 16:40 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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