In wirtschaftlich schlechten Zeiten wird immer wieder darüber berichtet, dass Arbeitnehmer weniger oft krank sind, also seltener wegen Krankheit fehlen, um es etwas genauer zu sagen. Eine Erklärung ist meist schnell gefunden: Es ist die Angst vor drohendem Arbeitsplatzverlust. Das sollte man sich argumentativ mal herleiten: Die Zeiten sind schlecht, weswegen die Betriebe Umsatzrückgänge erleiden. Darum ist die Stimmung im Betrieb schlecht, weswegen die Arbeitnehmer, die Kranken zum einen, aber natürlich auch die Gesunden, Angst um ihren Job haben. Und in dieser Situation tritt folgendes Phänomen ein: Die Krankensstandsquote sinkt! Dafür kann es nur zwei Erklärungen geben:

a. Die Arbeitnehmer sind tatsächlich gesünder geworden, oder

b. Die Arbeitnehmer sind so gesund bzw. so krank wie immer, sie melden sich jedoch weniger häufig arbeitsunfähig.

Fall a. dürfte unrealistisch sein, wobei natürlich auch nicht ganz ausgeschlossen. Fall b. ist dagegen die Variante, die man sich anschauen sollte. Bedeutet dieses Verhalten doch übersetzt nur eins: In Krisenzeiten schleppen sich mehr Arbeitnehmer krank zur Arbeit. Wirklich? Kann man diesen Zusammenhang tatsächlich herstellen? Ein Indiz kann das natürlich schon darstellen, beweisen dürfte es sich aber eher nicht lassen. Über diesen vermeintlichen Effekt berichtet es sich in den Medien aber immer recht gut. So wie jetzt die Zeitung „Die Welt“ über eine noch nicht veröffentlichte Meldung des Statistischen Bundesamtes: Im ersten Quartal 2010 sei die Zahl der Fehltage pro Arbeitnehmer deutlich angestiegen. 3,66 Prozent der Sollarbeitszeit sei wegen Krankheit nicht gearbeitet worden, zwölf Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Welt meint, es seien saisonale Einflüsse dafür verantwortlich (wie etwa Erkältungskrankenheiten), nach Meinung von sog. Arbeitsmarktexperten läge dies aber auch an der wieder verbesserten Konjunktur. Soll heißen? Nicht mehr so viel Angst vor Jobverlust, deswegen gleich wieder mehr AU-Bescheinigungen im Personalbüro.

Diese Zusammenhänge glaube wer will. Auf den ersten Blick liegt es auf der Hand: Schlechte wirtschaftliche Stimmung, da geht man als Arbeitnehmer besser auch mal krank zur Arbeit. Nicht dass man sonst zu den ersten gehört, die betriebsbedingt entlassen werden. Nur: Wird hier nicht Ursache und Wirkung ein wenig verdreht? Vielleicht hilft ein Blick aus der Totalen: Die Arbeitszeiten werden mehr und mehr verlängert, die Löhne immer weiter gesenkt, unbefristet wird kaum mehr eingestellt, der Psychodruck steigt genauso wie die Anzahl der Burn-Outs, immer mehr Arbeitnehmer sollen auch am Wochenende erreichbar sein, können somit gar nicht mehr abschalten, ständiger Leistungsdruck, steigender Konkurrenzdruck, die ganzen Anforderungen  und wenn man in diesem Hamsterrad dann doch arbeitslos wird, droht dank Hartz IV der rasche Abstieg auf Sozialhilfeniveau.

Der Schnupfen geht vorbei, die Zustände in unserer Arbeitswelt machen die Menschen dagegen langfristig tatsächlich krank. Und dann wird es irgendwann egal sein, ob gerade Krise ist oder nicht.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Montag, 26. April 2010 um 13:01 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt, Burn-out, Wirtschaftskrise abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. […] Betriebsratblog wird ein interessantes Thema diskutiert. Der Zusammenhang zwischen Krise und […]

    Pingback: Sind wir alle nur noch Weicheier? | www.r24.de – am 21. Dezember 2010 um 11:35

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