Erst berichte die Zeitung Die Welt darüber, danach Spiegel Online: Der Krankenstand bei Deutschlands Arbeitnehmern sei im ersten Halbjahr 2010 von 3,24 auf 3,58 Prozent gestiegen. „Sprunghaft angestiegen“ heißt das bei der Welt, von einem „höchsten Niveau seit fünf Jahren“ wird bei Spiegel Online geschrieben. Und: „Die Deutschen lassen sich wieder häufiger krankschreiben“. Dass die Formulierung „krankschreiben lassen“ dabei unterstellt, man mache „blau“, soll nur am Rande erwähnt sein.

Das eigentliche Thema ist: Was genau steckt hinter diesen neuen Krankenstandsdaten? Das Bundesgesundheitsministerium erhält regelmäßig zu einem bestimmten Stichtag, zumeist am Ersten des Monats, gemeldet, wieviele Mitglieder des gesetzlichen Krankenkasse eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt haben. Der weitere Verlauf der Krankheit wird nicht abgebildet, es geht nur um diesen einen Tag im Monat. Ursachen sind nicht ersichtlich, auch nicht die tatsächliche Dauer, weswegen die Krankenkassen selbst auch keinerlei Interpretation vornehmen. Man muss auf die Zahlen und deren Entwicklung hier gar nicht näher eingehen, denn: Mit diesen relativ aussagelosen Daten verbietet es sich seriöserweise von selbst, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Das Ministerium weist erstaunlicherweise völlig unmißverständlich von selbst darauf hin: „Ursachen-Forschung lasse sich mit diesen Zahlen nicht betreiben.“

Das stört die eingangs genannten Medien nicht. Denn wie langweilig sind nackte Zahlen, solange sie nicht aufmerksamkeitserregend interpretiert werden können. Dabei schießt „Die Welt“ den Vogel ab indem der angeblich sprunghafte Anstieg der Krankenstandsmeldungen in unmittelbaren Zusammenhang mit der wieder Fahrt aufnehmenden Konjunktur gesetzt wird. Die Botschaft dabei: Arbeitnehmer haben nun wieder weniger Angst vor Jobverlust, weshalb sie leichtfertiger und schneller der Arbeit fernbleiben. Dass dies reine Spekulation ist, darauf weist die Süddeutsche Zeitung recht deutlich hin: Dieser Zusammenhang gelte bereits seit zehn Jahren nicht mehr. Der Krankenstand sei im historischen Vergleich vor allem eins, sehr niedrig und das war in den letzten Dekaden immer so, egal ob die Wirtschaft gerade brummte oder nicht.

Aber wen juckt das schon? Eigene Ursachenforschung macht Spaß weil sie fast immer optimal in den Kram passende Schlußfolgerungen zulässt. In diesem Fall diejenige, dass mit dem vermeintlichen Ende der Wirtschaftskrise die Arbeitnehmer zu einer faulen Haltung zurückfinden und sich als allererstes krankschreiben lassen. Wie schäbig ist das denn? Möglicherweise reagiert jetzt das Ministerium: Man sei sich, so die Süddeutsche, der problematischen Datenlage voll bewusst und überlege, auch angesichts der jüngsten Berichterstattung in den Medien, die Veröffentlichung in Zukunft ganz einzustellen. Besagte Medien wird das nicht großartig stören: Denn irgendeine Umfrage oder Studie gibt es immer, die sich prima für solche Zwecke einspannen lässt.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 20. Juli 2010 um 10:05 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt, Gesundheitsschutz, Wirtschaftskrise abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Ich hab mal ne Frage, die auch mit dem Thema „Gesundheit“ zu tun hat. Wer während der Arbeitszeit für einen Arzt-Termin freigestellt werden will, benötigt dafür meist eine Bescheinigung des Arztes. Daraus sollte der Zeitraum klar ersichtlich sein, in dem man sich in der Arztpraxis aufgehalten hat.
    Beim Hausarzt ist das meist kostenlos; nicht aber bei vielen Fachärzten. Da werden mitunter „Gebühren“ von 5 Euro oder mehr fällig.
    FRage: Muss der Arbeitnehmer die Kosten tragen oder der Arbeitgeber, der diesen Nachweis ja fordert? Vielleicht kann mir jemand diese Frage beantworten.
    Vorab vielen Dank.
    Der „Elefant“ aus dem . . . Ruhrgebiet

    Kommentar von: Elefant – am 11. Januar 2011 um 14:49

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