von Christine am 23.06.2020, 08:56 Uhr , Kategorie: Arbeitsschutz

Happy End für die Beschäftigten?

Einblick in die Fleischverarbeitung . Bild: AdobeStock _industrieblick

Seit kurzem kennt fast jeder den Namen Tönnies – der größte Fleischproduzent in Deutschland hat sich zum bitteren Corona-Hotspot entwickelt. Für die Beschäftigten gibt es trotzdem die Chance auf ein Happy End: Endlich soll sich etwas an den Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen ändern.

Es steht nicht gut um die Schlachthöfe in Deutschland. Schon seit Jahren steht die Branche wegen ihrer unzureichenden Arbeitsbedingungen massiv in der Kritik. Passiert ist trotzdem nichts. Bis jetzt. Denn seit ein paar Tagen steht die Branche im Zentrum der Aufmerksamkeit von Medien und Politik.

Hotspot der Krise

Ausgelöst wurde die Krise bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Im Normalbetrieb werden dort wöchentlich rund 140.000 Schweine geschlachtet und zerlegt – das ist ungefähr jedes siebte Schwein in Deutschland. Seit ein paar Tagen ist der Betrieb vorerst stillgelegt. Denn dank Tönnies hat sich der Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen zum Corona-Hotspot entwickelt: Alle Mitarbeiter und Angestellte von Tönnies und jetzt auch einiger Zulieferbetriebe werden auf Corona getestet. Von den knapp 7.000 entnommenen Proben wurden bislang 1.500 Fälle positiv getestet – das sind mehr als 20 %.

Strukturen ohne Transparenz

Für Bundesarbeitsminister Heil sind die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie das „Grundübel“ der Branche. Tönnies konnte für die Tests erst gar nicht alle Adressen „seiner“ Mitarbeiter herausgeben. Hintergrund ist ein verschachteltes, intransparentes System von Werkverträgen. Die Mitarbeiter sind zwar vollständig in die laufende Produktion des Betriebs eingebunden, sind aber keine Mitarbeiter des Unternehmens – sondern per Werkvertrag eingesetzt. Bei den Fleischbetrieben geht es meist um sogenannte On-Site-Werkverträge: Die Leistung wird auf dem Betriebsgelände des Auftraggebers erbracht. So findet beispielsweise das Schlachten und Zerlegen zwar vor Ort, aber durch Subunternehmen statt. Und die Schlachthöfe entledigen sich so ihrer Verantwortung gegenüber den Arbeitern.

Ein Hauptgrund für die hohe Ansteckungsrate sind außerdem die Wohnbedingungen in den Betrieben. Mitarbeiter, oft aus Osteuropa, leben zum Teil auf engstem Raum unter hygienisch fragwürdigen Bedingungen.

Das System wird durch den Fleischwolf gedreht

In Kürze soll das anders werden, geplant ist das Verbot von Werkverträgen sowie höhere Bußgelder. Die Bundesregierung will strengere Regeln zum Arbeitsschutz einführen. So soll das Schlachten und die Verarbeitung des Fleisches in den Betrieben vom kommenden Jahr an nur noch von eigenen Beschäftigten erledigt werden. Werkverträge und Arbeitnehmerüberlassung wären damit nicht mehr möglich.

Happy End? Nicht wirklich

Von einem Happy End ist die Branche aber weit entfernt. Immer noch geht es um Themen wie Arbeitsbedingungen und Lohnhöhe. Denn solange es Schnitzel zu Schleuderpreisen gibt, wird der Preisdruck auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.

Die Wut auf Tönnies ist jedenfalls groß. Denn Ministerpräsident Laschet hat inzwischen (Stand: 23.06.2020, 11.55 Uhr) einen Lockdown über den gesamten Kreis Gütersloh verhängt. Dieser gilt zunächst bis zum 30. Juni 2020.



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 23. Juni 2020 um 08:56 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsschutz abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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10 Comments »

  1. Ich denke, dass das Problem der prekären Arbeitsbedingungen nicht nur auf die Fleischbranche beschränkt ist. Das fängt bei uns doch schon auf den Spargel- und Erdbeerfeldern an! Dort sieht es nicht besser aus und die AN können sich nicht wehren, sondern sind froh, trotzdem hier mehr Geld als in ihren eigenen Ländern zu verdienen.
    Ich schließe nicht aus, dass auch ich häufiger zu den preiswerteren Lebensmitteln greife- insofern ist hier die Politik gefordert, Abhilfe bei dieser Ausbeutung zu schaffen. Denn nur, weil ich „teures“ Fleisch kaufe, ändere ich das Problem nicht.

    Kommentar von: Sylvia Musfeld – am 23. Juni 2020 um 11:51

  2. Ich denke unsere Frau Klöckner wird das mit den Lobbyisten der Fleischindustrie schon so richten,daß es nicht ganz so schlimm für Herrn Tönnies und seine Kollegen wird. Schließlich wollen die Verbraucher weiterhin Schlachtabfall, was anderes ist der Dreck nämlich nicht, der zum Kilopreis von 1,75 Euro angeboten wird. Schlachttiere die artgerecht aufgezogen, Mitarbeiter die gerecht, womöglich sogar nach Tarif bezahlt werden, da ist das Fleich/Wurst nicht für Centbeträge zu haben. Immer dran denken der Verbraucher entscheidet was er kauft. Ich kaufe beim Bauern oder Metzger und sehe zum Teil sogar wie die Tiere gehalten werden. Ich esse allerdings auch nicht jeden Tag Fleisch und Wurst.

    Kommentar von: Klemens Leier – am 23. Juni 2020 um 13:48

  3. Unsere Tochter hat 3 Wochen beim lokalen Metzger in der Eifel Probe gearbeitet, Stundenlohn 12.50 Euro, 12 Stunden Tag mit 2 Stunden Mittagspause jeden Tag von 06:30 bis 13:00 Uhr und dann von 15 Uhr bis 18:30, Samstags von 05:30 bis !3:00 ohne Pause. Nach 6 Monaten Probezeit die Aussicht auf eine 0.50 Cent Erhoehung, keine Aufstiegschangen in der Firma. Jeden Samstag arbeiten und nur Sonntag und einen anderen Tag unter der Woche frei. Nachdem Sie gekuendigt hatte, hat Sie herausgefunden das die Putzfrau 15 Euro die Stunde verdient.
    Gute Arbeitsbedingung sind anders.

    Kommentar von: Midgett Gabriele – am 23. Juni 2020 um 15:16

  4. Bis jetzt war es doch immer so, es muss erst was passieren, damit die Politik aufhorcht. Dann wurden Versprechen gemacht, um die Öffentlichkeit zu beruhigen und wenn dann bei den Schäfchen wieder Ruhe eingekehrt ist, geht es genau so weiter wie bisher.
    Ob der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil- in diesem Fall, gegen die Fleisch Lobby was ausrichten kann, bzw. ob im Endeffekt die Arbeitsbedingungen der MA verbessern werden können, bleibt höchst fraglich.

    Kommentar von: Jens Vader – am 23. Juni 2020 um 18:49

  5. Vielleicht sollte man ihn nicht nur den Betreib zu machen sondern auch mal aufzeigen, das es Menschen sind, die sich ausbeuten lassen müssen, der miese Stundenlohn, die Unterkünfte wofür die Leute auch noch Miete zahlen müssen. Und wenn wir schon bei diesen Thema sind, er sollte haftbar gemacht werden für die ganzen Test und alles was da noch so an kosten kommen.

    Der Typ hat doch nur sein Fussball im Kopf und dies ist einfach nur krank. Und denn die Info er hätte ein altes System und kann nicht mal die Informatione herausgeben, wer bei ihn arbeitet.

    Und hier kommt jetzt endlich die Politik, das sie solche Dinge abstellt, hier werden Verträge und Verträge abgeschlossen und zum Schuluss blickt keiner mehr durch und die Herren haben alles so gut wie sie konnten „vertuscht“, leider ist hier keiner der die ändert, vielleicht auch schlecht, wenn man sich die feine Gesellschaft sieht und ihren Kaviar essen solche Probleme mal richtig anzugehen.

    Mir persönlich kommt da die Suppe hoch…wie weit ist Deutschland gesunken.

    Kommentar von: Andreas Probst – am 24. Juni 2020 um 05:46

  6. Nicht nur in der Fleischindustrie werden durch Subunternehmer und Werkverträge die Mitarbeiter ausgebeutet und die Preise gedrückt. Hätten die Politiker gewollt, hätten sie das längst einschränken können.
    Ich kenne das aus den Reinigungsunternehmen. Die haben ja auch keinen Betriebsrat, der sich um bessere Löhne kümmern könnte.

    Zum Nachdenken und selber recherchieren (eigene Recherche dauert nur 5 Minuten und ihr findet das alles auf offiziellen Seiten):

    – der Staat ist mittlerweie an CurVac mit mehr als 300 Mio € beteiligt
    – CureVac forscht ja an einem Impfstoff gegen Corona
    – unter anderem hat CureVac eine Partnerschaft mit der Bill&Melinda Gates Stiftung (was ist das für eine „Partnerschaft“?)
    – CureVac gehört Dietmar Hopp (TSG Hoffenheim-Mäzen)
    – der kennt Herrn Tönnies (Aufsichtsrat von Schalke) gut
    – jetzt geht CureVac an die Börse

    Viele Grüße
    Denkt nach!

    Kommentar von: Denkt nach! – am 24. Juni 2020 um 09:06

  7. Ich kann den anderen Kommentaren in fast allem zustimmen. Ich kaufe kein Fleisch, wenn es 3,33 €/Kilo kostet sondern bei meiner Freindin, die eine Metzgerei hat und weiss, wo die Tiere auf der Weide gestanden haben, die sie dann verkauft. Ja,das ist dann teurer,aber ich brauche nicht jeden Tag Fleisch. Ich werde nicht zum Vergetarier, aber wenn wir alle unsern Fleischkonsum reduzieren würden, wären solche Massen-Schlachtbetriebe nicht mehr nötig. Es wird immer Menschen geben, die andere Menschen ausbeuten. Durchdie Gewerkschaften konnte man sicher für einige bessere Bedingungen schaffen, aber wenn die Menchen aus Ungarn/Rumänien oder sonstwo her kommen, wo sie noch viel weniger verdienen, werden sie auch weiterhin herkommen und sich ausnutzen lassen. Da müssten man wohl in ganz Europa ansetzten (eigentlich in der ganzen welt), ich fürchte, da werden wir nicht viel ausrichten können. Und das globalde Gedächtnis…. sobald die Sachen aus der Presse sind, werden sie vergessen… 🙁

    Kommentar von: Gisela Grell – am 24. Juni 2020 um 09:54

  8. Das Problem mit Werks-Sub-oder SUBSUB Verträge sind allein Politisch hausgemacht mit der nötigen Menge an wegschauen. Die vielgepriesene der Verbraucher entscheidet über den Einkauf ist schlichtweg Falsch. Es werden auch hochpreisige Produkte von und über Fleischverarbeitungsriesen bearbeitet und verkauft, auch der Metzger von nebenan wird durch Sie beliefert. Dazu ist das Kennzeichnungssystem zu intransparent und wer hat die Zeit und Mittel um nachzuforschen wenn Experten Ihre liebe Not damit haben ein Konzernnetz es zu entwirren. Es wird Zeit für eine Industrielobby unabhängige Politik mit klaren Entscheidungen die auch Durchgesetzt werden und nicht nur da sind das was gemacht wurde.

    Kommentar von: Gerhard Fink – am 24. Juni 2020 um 17:18

  9. Also wenn ich irgendwo reingehe, Supermarkt, Arzt, Apotheke oder wo auch immer öffentlich, dann häng ich mir so ne Maske um. Kein weltanschauliches Problem. Private Besuche nach Bedarf/Abstimmung.
    Anders, klar, ist wenn jemand beruflich zu Acht-ZehnStundenMaske gezwungen ist.
    Gibts da eigentlich ne gesetzliche Vorschrift oder ne tarifliche Vereinbarung über Maskenpausen zum durchatmen? So zehn Minuten pro Arbeitsstunde??
    Wär doch ne Aufgabe für Betriebsräte, Gewerkschaften, Arbeitsschutzgesetzgeber? Oder ne Initiative dazu im Bundestag? Da das nach dem Willen der Regierung doch noch länger andauern soll.

    Kommentar von: Walter Beumer – am 30. Juni 2020 um 01:55

  10. Salut, als alter Betriebsrat kann ich nur die Gewerkschaft NGG und die Schlafmuetzen in der Politik verantwortlich machen für jahrzehnte
    lange Misswirtschaft im Bereich Installation von Betriebsräten in diesen Schweinebetrieben des Tennis und anderen Sklaventreibern. Leiharbeitnehmer und Werksvertraege gehören in die Mülltonne und richtige, festangestellte Arbeitnehmer eingestellt. Michael Lustig

    Kommentar von: Michael Lustig – am 29. Juli 2020 um 14:22

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