- Betriebsrat Blog - http://blog.betriebsrat.de -

Tönnies: Skandal um Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie

Happy End für die Beschäftigten?

Einblick in die Fleischverarbeitung . Bild: AdobeStock _industrieblick

Seit kurzem kennt fast jeder den Namen Tönnies – der größte Fleischproduzent in Deutschland hat sich zum bitteren Corona-Hotspot entwickelt. Für die Beschäftigten gibt es trotzdem die Chance auf ein Happy End: Endlich soll sich etwas an den Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen ändern.

Es steht nicht gut um die Schlachthöfe in Deutschland. Schon seit Jahren steht die Branche wegen ihrer unzureichenden Arbeitsbedingungen massiv in der Kritik. Passiert ist trotzdem nichts. Bis jetzt. Denn seit ein paar Tagen steht die Branche im Zentrum der Aufmerksamkeit von Medien und Politik.

Hotspot der Krise

Ausgelöst wurde die Krise bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Im Normalbetrieb werden dort wöchentlich rund 140.000 Schweine geschlachtet und zerlegt – das ist ungefähr jedes siebte Schwein in Deutschland. Seit ein paar Tagen ist der Betrieb vorerst stillgelegt. Denn dank Tönnies hat sich der Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen zum Corona-Hotspot entwickelt: Alle Mitarbeiter und Angestellte von Tönnies und jetzt auch einiger Zulieferbetriebe werden auf Corona getestet. Von den knapp 7.000 entnommenen Proben wurden bislang 1.500 Fälle positiv getestet – das sind mehr als 20 %.

Strukturen ohne Transparenz

Für Bundesarbeitsminister Heil sind die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie das „Grundübel“ der Branche. Tönnies konnte für die Tests erst gar nicht alle Adressen „seiner“ Mitarbeiter herausgeben. Hintergrund ist ein verschachteltes, intransparentes System von Werkverträgen. Die Mitarbeiter sind zwar vollständig in die laufende Produktion des Betriebs eingebunden, sind aber keine Mitarbeiter des Unternehmens – sondern per Werkvertrag eingesetzt. Bei den Fleischbetrieben geht es meist um sogenannte On-Site-Werkverträge: Die Leistung wird auf dem Betriebsgelände des Auftraggebers erbracht. So findet beispielsweise das Schlachten und Zerlegen zwar vor Ort, aber durch Subunternehmen statt. Und die Schlachthöfe entledigen sich so ihrer Verantwortung gegenüber den Arbeitern.

Ein Hauptgrund für die hohe Ansteckungsrate sind außerdem die Wohnbedingungen in den Betrieben. Mitarbeiter, oft aus Osteuropa, leben zum Teil auf engstem Raum unter hygienisch fragwürdigen Bedingungen.

Das System wird durch den Fleischwolf gedreht

In Kürze soll das anders werden, geplant ist das Verbot von Werkverträgen sowie höhere Bußgelder. Die Bundesregierung will strengere Regeln zum Arbeitsschutz einführen. So soll das Schlachten und die Verarbeitung des Fleisches in den Betrieben vom kommenden Jahr an nur noch von eigenen Beschäftigten erledigt werden. Werkverträge und Arbeitnehmerüberlassung wären damit nicht mehr möglich.

Happy End? Nicht wirklich

Von einem Happy End ist die Branche aber weit entfernt. Immer noch geht es um Themen wie Arbeitsbedingungen und Lohnhöhe. Denn solange es Schnitzel zu Schleuderpreisen gibt, wird der Preisdruck auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen.

Die Wut auf Tönnies ist jedenfalls groß. Denn Ministerpräsident Laschet hat inzwischen (Stand: 23.06.2020, 11.55 Uhr) einen Lockdown über den gesamten Kreis Gütersloh verhängt. Dieser gilt zunächst bis zum 30. Juni 2020.