von Peter am 12.04.2010, 08:53 Uhr , Kategorie: Ausbildung, Demografie

Seit es Jugendliche gibt, gibt es das Gejammer über deren angebliche Faulheit und Dummheit. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstages, DIHK, unter 15.000 Unternehmen liefert nun neuen Zündstoff. DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben verwies darauf, dass den Schulabgängern immer öfter die Grundvoraussetzungen für eine Ausbildung fehlen würden: Rechnen minus, Lesen minus, Schreiben ach herje. Die Kinder besäßen heutzutage keine „Alltagskompetenz“, etwa 20 Prozent eines Jahrgangs seien nicht einmal mehr „ausbildungsreif“.

Klingt schrecklich, aber: Ist es denn wirklich so schlimm? Der eigentliche Grund des Jammerns könnte ein anderer sein, etwa der sich immer deutlicher auf den Arbeitsmarkt auswirkende demografische Faktor: Immer mehr Alte und viel zu wenig Junge, die nachrücken. Deswegen müssen die Unternehmen sich langsam was einfallen lassen. Eine vielversprechende Taktik könnte dabei sein: Die zukünftigen Fachkräfte bereits in jungen Jahren als Azubis oder Berufsanfänger in den Betrieb locken, um sie dort zu binden und als Arbeitskraft möglichst hochwertig aufzubauen. Eindeutige Perspektive: Langfristige Beschäftigung! Vor diesem Hintergrund erscheint es fast schon unzeitgemäß, wenn manche den Arbeitsmarkt der Zukunft als genaues Gegenteil von früheren Verhältnissen schildern, sprich: immer mehr kurzfristige Jobs bei vielen verschiedenen Arbeitgebern, „Job-Hopping“. Das mag für manche Branchen zutreffen, grundsätzlich werden sich die Unternehmen aber intensiver darum kümmern müssen, dass sie Arbeitnehmer fest an sich binden, die etwas können, damit diese im Betrieb bleiben.

Die Süddeutsche Zeitung schließt sich dem Zeitgeistgenöle an: Jugendliche seien unreif, Schulen und Eltern nicht mehr in der Lage sog. „soft skills“ wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit zu vermitteln. Ein Beispiel: Wer unpünktlich zur Arbeit kommt, der verlässt sich darauf, dass andere seinen Job miterledigen. Dies sei egoistisch und zerstöre den Teamgeist. Na sowas! Unpünktlichkeit als eine Wurzel des Übels. Jugendliche Berufsanfänger sollten am besten schon als fertige Erwachsene in den Job einsteigen und vollwertige Fachkräfte ersetzen können. Fertige Erwachsene bringen natürlich all die von den Unternehmen geforderten Tugenden von Haus aus mit: Denn fertige Erwachsene können lesen, schreiben und rechnen, sie sind fleißig, pünktlich und teamfähig. Was für ein Unsinn! Wie andere Altersgruppen spiegeln auch jugendliche Arbeitnehmer lediglich den Durchschnitt aller Beschäftigten wider, Berufserfahrung die man nur im Lauf der Zeit erwerben kann mal abgezogen. Und im Gegensatz zu den Aussagen der DIHK-Studie weist die taz darauf hin, dass bei einer Umfrage vor vier Jahren noch insgesamt zwei Drittel der Unternehmen über schwache Schulabgänger geklagt hätten, nun sei es nur noch die Hälfte, ein deutlicher Rückgang also. Mögliches Fazit: Die jungen Leute sind im Gegenteil in ihren Leistungen sogar besser geworden, auf jeden Fall wird das Gerücht über die wachsende Schar lernschwacher Jugendlicher durch die Umfrage gerade nicht gestützt.

Und noch ein weiterer Punkt: 36 Prozent der Unternehmen gaben an, dass eine Besetzung der Lehrstellen mit notenschwächeren Jugendlichen für sie überhaupt nicht in Frage käme. So etwas würden sie generell ausschließen! Dumm nur: Das Angebot an Einserschülern sinkt kontinuerlich. Denn wo es weniger Schüler insgesamt gibt, da sind auch weniger Einserschüler. Die Zeiten, in denen die Firmen ihre Lehrstellen noch mit Wunschkandidaten besetzen konnten, sind in vielen Bereichen vorbei. Wenn ein Betrieb es sich wirklich leisten kann, Stellen unbesetzt zu lassen, dann nur zu. Für die meisten wird jedoch gelten: Mehr Investition in die Ausbildung der Berufsanfänger, selbst wenn es um die Entwicklung von „soft skills“ geht. Und weniger Arroganz! Darüber mag man heute noch jammern. Doch das wird ihnen vergehen. Die Jugendlichen von heute sind nicht dümmer und nicht schlauer, sie sind nicht fauler und nicht fleißiger als früher. Sie sind einfach nur weniger. Der Rest ist Stimmungsmache, um den Lern- und Leistungsdruck auf Kinder und Jugendliche immer frühzeitiger zu erhöhen. Das ist das eigentliche Übel!

Peter



Dieser Beitrag wurde am Montag, 12. April 2010 um 08:53 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Ausbildung, Demografie abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Na klar, als es mehr Bewerber gab, als freie Stellen, konnten die Unternehmen wählen. Es haben ja auch viele sogar lieber Azubis mit Abitur genommen.

    Nun dreht sich die Situation. Und jetzt kommen wir wieder in normale Verhältnisse. Wenn ein Junge Mechaniker, oder Autoschrauber werden will, oder ein Mädchen Frisuese, müssen sie unbedingt einen Notendurchschnitt von 1,5 haben? Oder reicht hier auch mal eine 3,0?

    Aber vielleicht liegt doch eine Ursache am Bildungssystem? Weil keine schlechten Noten mehr vergeben werden? Als die Lehrstellen rar waren., bedeuteten schlechte Noten keine Lehrstelle. Und vielleicht haben dann die Lehrer angefangen, weniger schlechte Noten zu vergeben? Oder der Druck der Schulverwaltung führte dazu? Das könnte auch zu den Pisa-Ergebnissen passen.

    Kommentar von: R. Tape – am 12. April 2010 um 09:52

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