Neulich hatte ich eine Anfrage in der juristischen Hotline, wo mich ein Betriebsrat fragte, was denn eigentlich gemeint sei, wenn in einer Betriebsvereinbarung stehe, eine bestimmte Sache müsse “zeitnah” erledigt werden. Ich versuchte ihm das zu erklären mit dem Lieblingssatz der Juristen: “Es kommt darauf an!” Aber das tut es wirklich, es kommt ganz auf die Situation und den Einzelfall an. Liegt ein Mensch nach einem Unfall verletzt im Graben, dann bedeutet zeitnahe Hilfe “möglichst sofort”. Ist bei dem Unfall jedoch nur ein leichter Sachschaden entstanden, dann kann die zeitnahe Hilfe auch schon einmal bis zu einer Stunde dauern. Mit solchen und ähnlichen Beispielen versuchte ich ihm den Begriff zu erklären. Der Betriebsrat bedankte sich, ließ mich aber irgendwie mit einem unbehaglichen Gefühl zurück und ich machte mich auf die Suche nach einer befriedigenden Definition für Zeitnähe. Ich fand keine. Die Synonyme aktuell, gegenwartsnah, sofort, gleich, bald und demnächst sowie eine Zwiebelfisch-Kolumne halfen mir auch nicht weiter. Ich war der Verzweiflung nahe: Ich, als Juristin und Meisterin der unbestimmten Rechtsbegriffe, war nicht in der Lage, eine anständige Definition für ein kleines gemeines und scheinbar so einfaches Wörtchen zu finden.
Inzwischen ging es mit wieder besser und ich hatte mich bereits schweren Herzens mit der Situation abgefunden. Da schlage ich im April eine Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung auf, da springt mich links unten auf der Seite unter der Rubrik “Übersetzer” das kleine gemeine Wort zeitnah an. Alte Erinnerungen drohten über mir zusammen zu schlagen. Andere hatten das geschafft, wozu ich nicht in der Lage gewesen war! Klar, dass die von der Süddeutschen jetzt eine einfache und tolle Erklärung haben würden. Und als ich mich wieder gefasst hatte las ich Folgendes: Es gibt wohl für bestimmte Menschen eine Art Bürojargon. Um sich wichtig zu tun, solle man sich einfach an große Begriffe dranhängen, z.B. an die Zeit “als fundamentale, messbare Größe, die zusammen mit dem Raum das Kontinuum bildet, in das alles materielle Geschehen eingebettet ist.” Aha! Und weiter: “Und was ist dann Zeitnah? Alles, was aus dem Bett, bzw. dem Geschehen herausgefallen ist? Kann es das geben, das Zeitnahe? Wo doch schon die Gleichzeitigkeit höchst problematisch ist, zumindest nach der speziellen Relativitätstheorie, die besagt, dass es eine universelle Gleichzeitigkeit nicht gibt. Da macht es fast gar nichts, dass der gemeine Büromensch eigentlich nur “bald” meint, wenn er “zeitnah” sagt?
Glücklich schloss ich die Zeitung. Ich weiß jetzt immer noch nicht, was zeitnah genau bedeutet. Aber andere, von denen man glaubt, dass die es wissen, wissen es eben auch nicht oder können es zumindest nicht verständlich erklären. Diese Erkenntnis war mir viel wichtiger als sich graue Haare wegen so einem gemeinen kleinen Wort wachsen zu lassen. Die wachsen auch sowieso, wahrscheinlich sogar ziemlich zeitnah.
Eure Ines
« Wir sind ein tragender Pfeiler unserer Wirtschafts- und Sozialordnung – Rauch am Arbeitsplatz ? ein Dauerbrenner »
© 2012 | ifb - Institut zur Fortbildung von Betriebsräten KG – Powered by WordPress
In meinem Synonymwörterbuch steht: “zeitgemäß, zeitentsprechend, jetzig, modern, dem Zeitgeist entsprechend”. Die falsche Verwendung von zeitnah als Synonym für “rasch” oder “in bälde” ist ebenso weit verbreitet wie falsch. Schuld daran ist Altkanzler Schröder, der das Wort zu seinem Lieblingswort erkor, dabei nicht wußte, was es bedeutet und die falsche Verwendung unter das Volk brachte.
Gruß Marcus
Kommentar: mkrombach – 28. November 2007 @ 00:18
Die Auslegung des Wortes zeitnah im Sinne von “gegenwartsnah” oder “schnell erfolgend” ist trotzdem nicht falsch!
Der Duden kennt den Ausdruck nicht nur im Synonymwörterbuch, sondern auch im Deutschen Universalwörterbuch – und da steht genau die Erklärung im Sinne von bald drin!
Wenn das Wort also jemals falsch angewendet wurde, so ist es heute auch in dieser Auslegung etabliert und allgemein anerkannt. Das Wort “geil” hatte früher auch eine andere Bedeutung, als es heute der Fall ist (auch wenn ich die inflationäre Verwendung dieses Ausdruckes gerade eben nicht g… finde!).
“Zeitnah” steht für mich umgangssprachlich betrachtet für einen bewusst nebulösen Begriff zwischen “gleich” und “bald”: Man suggeriert z.B. gegenüber einem Kunden, der eine Anfrage hat, Eile ohne sich auf einen verbindlichen Zeitpunkt der Erledigung festzulegen.
Der Kunde hat einerseits das Gefühl sein Anliegen werde umgehend bearbeitet, sodass er nicht weiter drängelt (im Gegensatz zu “bald”) und ich fühle mich andererseits nicht so sehr zur Eile verpflichtet, so ich ja nicht “sofort” oder “gleich” zugesagt habe.
Wer also schlau ist, durchschaut solch eine Hinhalte- bzw. Verzögerungsstrategie und fragt nach einem konkreten Termin (Datum, ggf. Uhrzeit je nach Situation).
Diese Entwicklung der Wortbedeutung in der Politik anzusiedeln ist aber wahrscheinlich gar nicht so weit hergeholt: “bildungsferne” bzw. “einkommensferne Schichten” sind ebenfalls verschleiernde Ausdrücke, die aus dieser Ecke heraus kreiert wurden.
Kommentar: ackerpower – 17. März 2011 @ 13:02