von Ines am 02.05.2007, 14:59 Uhr , Kategorie: Betriebsrat Blog erklärt

Neulich hatte ich eine Anfrage in der juristischen Hotline, wo mich ein Betriebsrat fragte, was denn eigentlich gemeint sei, wenn in einer Betriebsvereinbarung stehe, eine bestimmte Sache müsse „zeitnah“ erledigt werden. Ich versuchte ihm das zu erklären mit dem Lieblingssatz der Juristen: „Es kommt darauf an!“ Aber das tut es wirklich, es kommt ganz auf die Situation und den Einzelfall an. Liegt ein Mensch nach einem Unfall verletzt im Graben, dann bedeutet zeitnahe Hilfe „möglichst sofort“. Ist bei dem Unfall jedoch nur ein leichter Sachschaden entstanden, dann kann die zeitnahe Hilfe auch schon einmal bis zu einer Stunde dauern. Mit solchen und ähnlichen Beispielen versuchte ich ihm den Begriff zu erklären. Der Betriebsrat bedankte sich, ließ mich aber irgendwie mit einem unbehaglichen Gefühl zurück und ich machte mich auf die Suche nach einer befriedigenden Definition für Zeitnähe. Ich fand keine. Die Synonyme aktuell, gegenwartsnah, sofort, gleich, bald und demnächst sowie eine Zwiebelfisch-Kolumne halfen mir auch nicht weiter. Ich war der Verzweiflung nahe: Ich, als Juristin und Meisterin der unbestimmten Rechtsbegriffe, war nicht in der Lage, eine anständige Definition für ein kleines gemeines und scheinbar so einfaches Wörtchen zu finden.

Inzwischen ging es mit wieder besser und ich hatte mich bereits schweren Herzens mit der Situation abgefunden. Da schlage ich im April eine Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung auf, da springt mich links unten auf der Seite unter der Rubrik „Übersetzer“ das kleine gemeine Wort zeitnah an. Alte Erinnerungen drohten über mir zusammen zu schlagen. Andere hatten das geschafft, wozu ich nicht in der Lage gewesen war! Klar, dass die von der Süddeutschen jetzt eine einfache und tolle Erklärung haben würden. Und als ich mich wieder gefasst hatte las ich Folgendes: Es gibt wohl für bestimmte Menschen eine Art Bürojargon. Um sich wichtig zu tun, solle man sich einfach an große Begriffe dranhängen, z.B. an die Zeit „als fundamentale, messbare Größe, die zusammen mit dem Raum das Kontinuum bildet, in das alles materielle Geschehen eingebettet ist.“ Aha!  Und weiter: „Und was ist dann Zeitnah? Alles, was aus dem Bett, bzw. dem Geschehen herausgefallen ist? Kann es das geben, das Zeitnahe? Wo doch schon die Gleichzeitigkeit höchst problematisch ist, zumindest nach der speziellen Relativitätstheorie, die besagt, dass es eine universelle Gleichzeitigkeit nicht gibt. Da macht es fast gar nichts, dass der gemeine Büromensch eigentlich nur „bald“ meint, wenn er „zeitnah“ sagt?

Glücklich schloss ich die Zeitung. Ich weiß jetzt immer noch nicht, was zeitnah genau bedeutet. Aber andere, von denen man glaubt, dass die es wissen, wissen es eben auch nicht oder können es zumindest nicht verständlich erklären. Diese Erkenntnis war mir viel wichtiger als sich graue Haare wegen so einem gemeinen kleinen Wort wachsen zu lassen. Die wachsen auch sowieso, wahrscheinlich sogar ziemlich zeitnah.

Eure Ines



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 02. Mai 2007 um 14:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Betriebsrat Blog erklärt abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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6 Comments »

  1. In meinem Synonymwörterbuch steht: „zeitgemäß, zeitentsprechend, jetzig, modern, dem Zeitgeist entsprechend“. Die falsche Verwendung von zeitnah als Synonym für „rasch“ oder „in bälde“ ist ebenso weit verbreitet wie falsch. Schuld daran ist Altkanzler Schröder, der das Wort zu seinem Lieblingswort erkor, dabei nicht wußte, was es bedeutet und die falsche Verwendung unter das Volk brachte.

    Gruß Marcus

    Kommentar von: mkrombach – am 28. November 2007 um 00:18

  2. Die Auslegung des Wortes zeitnah im Sinne von „gegenwartsnah“ oder „schnell erfolgend“ ist trotzdem nicht falsch!

    Der Duden kennt den Ausdruck nicht nur im Synonymwörterbuch, sondern auch im Deutschen Universalwörterbuch – und da steht genau die Erklärung im Sinne von bald drin!

    Wenn das Wort also jemals falsch angewendet wurde, so ist es heute auch in dieser Auslegung etabliert und allgemein anerkannt. Das Wort „geil“ hatte früher auch eine andere Bedeutung, als es heute der Fall ist (auch wenn ich die inflationäre Verwendung dieses Ausdruckes gerade eben nicht g… finde!).

    „Zeitnah“ steht für mich umgangssprachlich betrachtet für einen bewusst nebulösen Begriff zwischen „gleich“ und „bald“: Man suggeriert z.B. gegenüber einem Kunden, der eine Anfrage hat, Eile ohne sich auf einen verbindlichen Zeitpunkt der Erledigung festzulegen.

    Der Kunde hat einerseits das Gefühl sein Anliegen werde umgehend bearbeitet, sodass er nicht weiter drängelt (im Gegensatz zu „bald“) und ich fühle mich andererseits nicht so sehr zur Eile verpflichtet, so ich ja nicht „sofort“ oder „gleich“ zugesagt habe.

    Wer also schlau ist, durchschaut solch eine Hinhalte- bzw. Verzögerungsstrategie und fragt nach einem konkreten Termin (Datum, ggf. Uhrzeit je nach Situation).

    Diese Entwicklung der Wortbedeutung in der Politik anzusiedeln ist aber wahrscheinlich gar nicht so weit hergeholt: „bildungsferne“ bzw. „einkommensferne Schichten“ sind ebenfalls verschleiernde Ausdrücke, die aus dieser Ecke heraus kreiert wurden.

    Kommentar von: ackerpower – am 17. März 2011 um 13:02

  3. Hallo Ines,

    ich bin gerade auf der Suche nach genau einer Begriffserklärung für zeitnah und fand deinen Artikel dazu sehr interessant!

    Die Frage ist doch ist zeitnah eine absolute Größe oder eine relative? Und wenn man zeitnah in einen Bezug zu einer weiteren Größe setzt wie z.B. den Kosten für die angesprochene „Zeit“ die nahe sein soll, kann diese Größe Zeit und Kosten für den Betrachter unterschiedlich sein? Da die Zeit für jeden ja gleich ist, aber die Kosten für den Betrachter für diese Zeit variiert, kann es doch keine eindeutige und jedem zurechenbare Definition geben oder?

    Wer dazu eine Erkenntnis hat freue ich mich auf ein Feedback.

    Grüße
    Susu

    Kommentar von: Susu – am 03. April 2012 um 16:55

  4. Zeitnah? Ohne schuldhafte Verzögerung.

    Kommentar von: Hansjürgen – am 06. Dezember 2012 um 08:41

  5. Hallo Hansjürgen,

    interessant! Und was bedeutet dann “ die zeitnahe Auswertung von Röntgenbildern“? (in der Medizin) Wann ist die Auswertung eine schuldhafte Verzögerung und wann nicht? 1 Woche?, 4 Wochen? 7 Monate? ….

    Kommentar von: Karin – am 05. Februar 2013 um 20:23

  6. UNVERZÜGLICH – hab ich gelernt – ohne schuldhafte Verzögerung! Zeitnah: wenn es dem Anderen in der Zeit gerade paßt…

    Kommentar von: Birgit – am 29. Januar 2017 um 11:08

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