von Nicola am 09.07.2019, 10:46 Uhr , Kategorie: Arbeitszeit, Betriebsrat
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Wer träumt nicht davon, mal drei Monate am Stück frei zu nehmen? Um endlich die Motorradreise nach Südspanien zu machen – um die dringenden Projekte im Haus fertigzustellen oder um Zeit für die pflegebedürftige Mutter zu haben? Oder wünscht sich, im Alter vorzeitig in den Ruhestand zu gehen – ohne finanzielle Einbußen?

Könnte das Lebensarbeitszeitkonto uns eine neue Flexibilität in der Arbeit geben und diese Träume wahr werden lassen?

Was ist das Lebensarbeitszeitkonto?

Zeitkonten kennen die meisten Arbeitnehmer: Überstunden oder nicht genommener Urlaub werden auf einem Gleitzeitkonto angespart. Bei Bedarf können die zu viel geleisteten Arbeitsstunden dann freigenommen werden. In der Regel läuft dieses Konto aber nur für ein Jahr. Zum Jahresende wird es mehr oder weniger ausgeglichen. Ein Lebensarbeitszeitkonto folgt einem ähnlichen Prinzip. Hier sammeln Mitarbeiter allerdings über ihr gesamtes Berufsleben hinweg Stunden oder Entgelt an.

Wie funktioniert das Lebensarbeitszeitkonto in der Praxis?

Als Arbeitnehmer kennen Sie das: Es gibt Zeiten im Leben, in denen Sie bis lange nach Feierabend „einsatzbereit“ sind. Sie sind jung, dynamisch, haben keine Familie. Überstunden anzusammeln ist in dieser Situation wie Kaffee kochen – es passiert fast nebenbei. Dann ändert sich Ihre Situation – vielleicht bekommen Sie Kinder? Durchlaufen eine Midlife-Krise oder schlafen einfach nicht mehr so gut wie früher? Jetzt möchten Sie gerne eine Weile zurückschrauben – um Zeit für die Familie oder für Ihre Gesundheit zu haben – und das, ohne dass Ihr Arbeitgeber es als mangelnde Motivation auslegt. Mit einem Lebensarbeitszeitkonto könnten Sie jetzt die Stunden, die Sie in jungen Jahren quasi im Voraus gearbeitet haben, für eine längere Freistellung nutzen. Nach Ihrer Auszeit kommen Sie erholt in Ihren Job zurück. Vielleicht sparen Sie dann wieder Stunden an, vielleicht arbeiten Sie in der nächsten Lebensphase lieber auf „Normalniveau“ – die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Wie das genau funktioniert und welche gesetzlichen und tariflichen Vorschriften es gibt, lesen Sie auch hier.

Früher in den Ruhestand dank Arbeitszeitkonto?

Stellen Sie sich vor, Ihr Arbeitgeber bietet Ihnen ab sofort ein Lebensarbeitszeitkonto an. Können Sie sich nun darauf einstellen, dass Sie vielleicht schon mit 63 in Rente gehen können, solange Sie ab und an ein paar Überstunden machen? Jüngere Arbeitnehmer, die noch viel Ansparzeit vor sich haben, haben hier sicher am ehesten Chancen. Rechnen wir es einfach mal durch:

Bei einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden müssten Sie 2080 Überstunden ansammeln, um ein Jahr früher in Rente zu gehen. Bei vier Jahren bräuchten Sie 8320 Überstunden. Nehmen wir mal an, Sie halten fünf Überstunden pro Woche für realistisch. In diesem Fall bräuchten Sie für ein Jahr Freizeit acht Jahre Ansparzeit. Für vier Jahre früher in Rente, müssten Sie 32 Jahre lang jede Woche fünf Überstunden ansammeln. (Urlaub oder Krankzeiten sind hierbei nicht berücksichtigt.)

Doch selbst wenn der Rentenantritt mit 63 für Sie nicht realistisch ist, auch eine Freistellung von zwei bis drei Monaten oder der um ein paar Wochen frühere Rentenantritt können in einer Krisensituation wie gerufen kommen.

Wie kommt das Modell bei Arbeitgebern an?

Laut einer Umfrage des Arbeitsministeriums bieten nur zwei Prozent der Betriebe in Deutschland echte Lebensarbeitszeitkonten an. Gerade kleinere Betriebe haben sicher das Problem, längere Auszeiten von Mitarbeitern abzufangen. Außerdem ist auch der Verwaltungsaufwand für viele abschreckend. Eine Stunde Arbeitszeit wird für das Konto nämlich in Geld umgerechnet. Bei der Auszahlung wird dieses dann wieder in Stunden umgewandelt. Dies müssen Arbeitgeber machen, um bei einer Insolvenz den Verlust des Kontos zu verhindern. Denn Zeit ist nach einer Pleite verloren, Geld kann aber noch ausgezahlt werden.

Es gibt aber auch zahlreiche Vorteile für Arbeitgeber, darunter z.B. die erhöhte Motivation der Mitarbeiter, gesparte Personalkosten bei Vorruhestandsregelungen, und die Prävention von Burnout und anderen psychischen Belastungen.

Können Sie als Betriebsrat die Einführung eines Arbeitszeitkontos erzwingen?

Leider nein. Es handelt sich um eine freiwillige Leistung des Arbeitgebers. Bei einer Einigung mit dem Arbeitgeber können Sie die Einführung und Ausgestaltung des Systems aber mitbestimmen und in einer freiwilligen Betriebsvereinbarung festhalten. Gerade in der Chemie- oder Metallindustrie regeln auch Tarifverträge die Einrichtung von Arbeitszeitkonten.

Wie sieht es in Ihrem Betrieb aus? Gibt es die Möglichkeit, Zeit langfristig anzusparen? Ist Ihr Arbeitgeber offen für die Idee eines Langzeitkontos? Und was würden Sie mit Ihrer angesparten Zeit anfangen? Hinterlassen Sie uns gerne einen Kommentar!

Seminare für Betriebsräte zum Thema Lebensarbeitszeit und Arbeitszeitgestaltung:

Langzeit- und Lebensarbeitszeitkonto: Die Alternative zur Rente mit 67!

Arbeitszeitgestaltung: Gesetzliche Vorgaben und Handlungsspielräume des Betriebsrats



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