Der Wahlzeitraum für Betriebsräte rückt unweigerlich näher und näher: Am 01. März 2010 beginnt laut Gesetz die offizielle Wahlzeit, die drei Monate dauert und am 31. Mai 2010 endet. In dieser Phase werden in den meisten deutschen Betrieben die turnusmäßigen Wahlen zur Mitarbeitervertretung durchgeführt. Manche haben ihre Wahl zeitlich bereits vorgezogen, bei der großen Mehrheit der Firmen aber laufen die Vorbereitungen des Wahlvorstands in diesem Moment auf Hochtouren!

Die meisten Beschäftigten in den deutschen Unternehmen haben durch die Informationen ihres eigenen Betriebsrats bereits Wind davon gekriegt, dass bald Neuwahlen anstehen. Insofern dürften sehr viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Zeit für das Thema sensibilisiert und besonders aufmerksam sein. Wer mit dem Gedanken einer eigenen Kandidatur spielt, für den ist es jetzt höchste Eisenbahn sich zu entscheiden und die Weichen zu stellen. Genau der richtige Zeitpunkt, um durch manipulative Stimmungsmache in den Medien für rauhen Gegenwind zu sorgen. Denn jetzt ist sicher der beste Augenblick, um fundamentale Zweifel an der Institution „Betriebsrat“ zu sähen, vor allem im Zusammenhang was das „Betriebsrat-Sein“ für einen persönlich bedeuten kann. In negativer Hinsicht natürlich!

Ein leuchtendes Beispiel, wie hinterhältig so etwas sein kann, liefert das Online-Magazin Focus. In einem vor wenigen Tagen erschienenen Artikel mit dem Titel „Betriebsratsmandat – Nur ein kleines bißchen Sicherheit“ wird eine ganze Batterie an „Betriebsrat-ist-nicht-gut-für-mich“-Raketen abgefeuert. In einer gut lesbaren Mischung mit einigen wenigen bewusst eingestreuten positiven Feststellungen (Beispiel: „Wer seine Aufgabe als Betriebsrat ernst nimmt, trägt eine hohe Verantwortung“), wird eine ganz zentrale Botschaft an den Leser geschickt: Lass die Finger davon, denn die Vorteile sind überschätzt und deine Karriere kannst du knicken! Kein Wort dagegen von den Grundgedanken der Mitbestimmung, von Solidarität im Betrieb, von persönlichem Engagement, von dem Ehrenamt, welches das Gesetz ausdrücklich vorsieht. Schon der Einstieg verstört: Betriebsräte polarisieren, für Arbeitgeber ähneln sie einer Krankheit und „betriebsratsverseucht“ wurde nicht umsonst zum Unwort des Jahres gewählt! Geht’s vielleicht noch negativer? Ja! Als nächstes kommen die geschätzten Kollegen an die Reihe, die den Betriebsrat ob seiner „Sonderrechte“ sowieso immerzu misstrauisch beäugen und neidisch sind. Man ist sich auch nicht zu schade, einen angeblichen GBR-Vorsitzenden  zu zitieren, der einräumt dass es den Kollegen manchmal schwerfalle nachzuvollziehen, was man als Betriebsrat den ganzen Tag so mache. Unproduktiv und faul, das lese ich hier zwischen den Zeilen!

Und das alles wegen dem bißchen Kündigungsschutz, das angebliche Hauptmotiv für die Wahl, dessen inhaltliche Tragweite von den meisten Interessenten sowieso überschätzt werde. Am Ende stünde das Karriereaus, prophezeit ein Managementberater. Denn: Aus dem Engagement des Mitarbeiters für den Betriebsrat könne der Arbeitgeber darauf schließen, dass dieser Probleme mit der Organisation an sich habe, zum Beispiel mit der Profitorientierung. Der Artikel endet mit dem Beispiel des erwähnten GBR-Vorsitzenden, der, so das Zitat, sein eigenes Karriere-Aus bereits fest eingeplant hat.

Zurück bleibt ein Leser, verstört und verwirrt, der sich eigentlich nur für seine Kollegen engagieren wollte, nun aber schon die Scherben seiner Existenz vor Füßen liegen sieht, bevor er mit seinem Engagement überhaupt begonnen hat. Das lass ich dann mal besser bleiben, wird sich so mancher denken. Wie hinterhältig!

Es geht auch anders: Eine schöne Übersicht von „12 guten Gründen“ für einen Betriebsrat hat der bekannte Rechtsanwalt Michael Felser in seinem Blog aufgestellt: „Nicht ohne meinen Betriebsrat!“

Peter



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 24. Februar 2010 um 14:46 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Betriebsratswahl abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Comments »

  1. Ein solches Denken herrscht aber selbst bei Arbeitnehmern vor, bei unserer Kanditatenaufstellung hat sich trotz aussprachen mit eventuellen Kollegen niemand aufstellen lassen, als die bisherigen Kanditaten. Wir haben einige ehemalige BR-Mitglieder, die es überhaupt nicht geschadet hat bei dem beruflichen Aufstieg.Allerdings ist es schwer bei jahrelanger Freistellung wieder in der alten Abteilung fuß zu fassen, doch meist hat man sich dann Qualifikationen bzw.Wissen angeeignet um eine andere Aufgabe im Betrieb zu erfüllen. Eins steht aber fest, Arbeitnehmer ohne Betriebsrat stehen sich immer schlechter. Das sollte für alle Kanditaten Lohn genug sein, auch wenn es kein Job ist bei denen man Dank erwarten darf.

    Kommentar von: Olaf – am 01. März 2010 um 13:20

  2. […] Obwohl das Betriebsverfassungsgesetz es in § 1 BetrVG als Selbstverständlichkeit ansieht, dass ein Betriebsrat gewählt wird, machte die Nachricht Schlagzeilen: Beim Focus wird ein Betriebsrat gewählt. Inzwischen sind die Betriebsratswahlen bei der Focus Magazin Verlags GmbH mit einer Wahlbeteiligung von 80 % der 269 Wahlberechtigten durchgeführt und ein neunköpfiger Betriebsrat gebildet. Die Mitarbeiter des Focus hatten die Wahl aus zwei Vorschlagslisten: “Die Initiatoren” und die “Liste X”. Das Rennen machte dann die geheimnisvolle “Liste X” mit sechs Sitzen. Auf sie entfielen 164 der Stimmen, auf die Initiatoren 103, die drei Sitze errangen. Die Initiatoren nutzen zur Information der Belegschaft einen eigenen Blog. Wir wünschen dem Betriebsrat beim Focus viel Erfolg bei der Vertretung der Arbeitnehmerinteressen. Und dem Focus wünschen wir zukünftig eine angemessenere Berichterstattung über Betriebsräte, die eben nicht nur wegen des Kündigungsschutzes kandidieren, wie der IFB Blog zu Recht kritisiert. […]

    Pingback: Betriebsratswahl beim Focus » blog.felser.de – am 21. März 2010 um 14:29

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