von Peter am 14.07.2015, 16:56 Uhr , Kategorie: Datenschutz

Junge Frau mit SmartphoneGlücklich und gesund als Arbeitnehmer – wer möchte das nicht sein? Viel brauchen tue es dafür nicht, glaubt zumindest Start-Up-Firmengründer Johann Huber aus München. Der Schlüssel zum Erfolg sei lediglich die totale Überwachung des Arbeitnehmers durch den Chef.

In Zeiten der 24/7-Vernetzung bedarf es nur einer kleinen App auf dem Smartphone und schon weiß der Arbeitgeber, wie gut man gerade drauf ist und ob die letzte Nacht erholsam war. Das Programm dafür liefert Hubers Firma Soma Analytics. Einmal auf dem Handy installiert überwacht die App den Benutzer lückenlos. Anhand seiner Stimme analysiert sie die Gefühlslage. Hektisches Tippverhalten wertet sie als Stress. Die Reaktionszeit auf Nachrichten bzw. die Häufigkeit der Benutzung lässt ebenfalls Rückschlüsse auf den Zustand des Benutzers zu. Und in der Nacht überwacht sie dann noch die Unruhe des Schlafenden. All diese Daten kommen in einen Topf und mit Hilfe eines Algorithmus wird dann ein Ergebnis über den  Ist-Zustand des Überwachten quasi in Echtzeit erstellt. Diese Daten erhält der Chef dann bequem online.

Nein, das ist keine Utopie. Diese App gibt es und sie ist bereits im Einsatz. Auf der Messe eHealth week in Riga erhielt Soma Analytics für diese Entwicklung soeben den ersten Preis als bestes Startup in Europa 2015 im Bereich der elektronischen Gesundheit.

Stell sich mal wieder die Frage nach dem Warum? Big Brother, ach wo! Natürlich wird die Anwendung von der Firma nicht als Überwachungs-Tool vermarktet. Den Schwerpunkt setzt man woanders: Bei der Gesundheit! Der Entwickler Soma Analytics erklärt, wie man mit Hilfe seiner App dem Stress der Beschäftigten auf den Grund gehen könne. Die Firma sei nun mit Hilfe der neu gewonnenen Daten in der Lage, vorbeugende Maßnahmen bei stressgefährdeten Mitarbeitern einzuleiten. So komme ein Arbeitgeber endlich seiner Fürsorgepflicht für die Gesundheit der Arbeitnehmer nach. Verrückt? Nein!

Angeblich wird das Programm im Ausland schon häufig eingesetzt. Über Anwendungsbeispiele in Deutschland hält man sich bedeckt. Aus gutem Grund: Ein datenschutzrechtlich einwandfreier Einsatz der App ist hierzulande mehr als fraglich. Zwar holt die App die Einwilligung des Users vor Benutzung ein. Und: Dem Arbeitgeber werden auch nur anonymisierte Daten zur Verfügung gestellt. Aber schon eine  rechtswirksame Einwilligung nach § 4aBDSG ist kaum vorstellbar, da beim Einsatz im Arbeitsverhältnis wegen des Über-/Unterordnungsverhältnisses nicht von einer freien Entscheidung des Arbeitnehmers dabei ausgegangen werden kann.

Der Hinweis auf die angebliche Anonymisierung lässt einen ebenfalls mehr als zweifelnd zurück, denn: In Kombination aller im Zusammenhang mit der App vorliegenden Daten erscheint eine Re-Anonymisierung, also eine Entschlüsselung und Zuordnung der Daten zu einer Person wahrlich nicht als besonderes Hexenwerk.

Die totale Überwachung von Arbeitnehmern ist technisch längst möglich. Diese neue App ist nur eine besonders bunte (und giftige) Blume im Strauß der Möglichkeiten.

Was gut ist: Die Verteidigung des Datenschutzes und die Sicherung der Rechte des Einzelnen sind vor allem in Deutschland extrem hohe Güter, die sehr ernst genommen werden. Andere Länder sind da längst nicht so. Im Betrieb ist hier der Betriebsrat nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG gefragt. Aus gutem Grund sind Seminare, wie es das ifb mit seinem „Gläsernen Mitarbeiter“ seit fast zwei Jahrzehnten anbietet, fast durchgehend ausgebucht.

Nicht Apps sollen die Gesundheit der Mitarbeiter überwachen, sondern Ärzte! Alles andere ist nur pauschaler Datenmüll.

Quelle: Legal Tribune Online / datenschutz-notizen.de – Bildquelle: © AleksandarNakic – iStock

 



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 14. Juli 2015 um 16:56 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Datenschutz abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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