menschen auf der StraßeMöchte man Leser gewinnen, braucht man neben gehaltvollem Inhalt auch von Zeit zu Zeit eine Überschrift, die den tendenziell  übermüdeten Konsumenten aus seinem Halbschlaf reißt. Vor wenigen Tagen stellte die FAZ  deshalb diese schräge Frage: Bremsen Betriebsräte die Digitalisierung? Die Antwort erfuhr der zuckende Leser nur wenige Sätze später: Nein, sie tun es nicht. Natürlich nicht, möchte man da gleich rufen.

Basis der Erkenntnis ist eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Dieses stellte Unternehmen die Frage, ob Betriebsräte dem digitalen Fortschritt im Wege stünden. Das Ergebnis: Hinweise dafür gebe es offenbar keine. Eher schon das Gegenteil: Geschäftsführungen von Unternehmen mit Betriebsrat würden zusätzliche Weiterbildungsangebote besonders stark befürworten. Das spricht ja nun eher für den Fortschritt als gegen ihn. Und im Hinblick auf die Effizienz und Arbeitsorganisation schätzen Geschäftsführungen ihre Chancen hinsichtlich Digitalisierung & Co. gleich gut ein – also egal, ob ein Betriebsrat existiert oder nicht.

Das bedeutet im Klartext: Digitaler Fortschritt findet statt – ob mit oder ohne Betriebsrat. Wenn das IW-Institut, es gilt als arbeitgeberfreundlich, abschließend doch noch einen drauf setzt, indem es warnt, dass sich ein möglicher Ausbau von Mitbestimmungsrechten als kontraproduktiv  für eine erfolgreiche Anpassung an den digitalen Wandel erweisen könnte, platzt uns doch noch ein wenig die Hutschnur! Damit wir wieder den Deckel auf diese Empörung bekommen, möchten wir sehr gerne auf etwas hinweisen, das wir heute morgen von niemand geringerem als dem Herausgeber des Handelsblattes gelesen haben. Herr Steingart schrieb im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten, dass die Wut seiner Wähler von tatsächlichen und imaginären Schmerzen herrühre. Denn, und jetzt kommt’s, es seien die großen Heilsversprechen unserer modernen Zeit, die die Mehrheit der Bürger überfordern. Zu diesen Heilsversprechen zählen vor allem Globalisierung und Digitalisierung.

Insofern erscheint es falsch, ein mögliches Bremsen der Digitalisierung oder ihre zumindest kritische Betrachtung gleich als schädlich einzuordnen. Ihre Auswirkungen haben wir wahrscheinlich noch nicht begriffen. Die Schockwellen des Brexit und vielleicht auch der US-Wahl sind möglicherweise nur gravierende Vorboten für das, was der Philosoph Albert Camus unter einer Revolte, also einer Revolution versteht: Das „Nein sagen“ als Ausdruck der völligen Ablehnung geänderter Lebensumstände. Bisher war dieses „Nein“ in einer Erosion der Beteiligung an demokratischen Wahlen deutlich zu erkennen. Dies hat sich rasant geändert. Die Wahlbeteiligung steigt wieder. „Ja“ ist heute das neue „nein“ – ein Ja zu bislang nicht vorstellbaren und abwegig erscheinenden Alternativen.

Insofern darf man als Betriebsrat guten Gewissens die Digitalisierung und ihre unglaublichen Auswüchse hinterfragen und auf den Prüfstand stellen. Schlimm ist das nicht. Eher ein Zeichen von wachem Geist und außergewöhnlichem Engagement.

Bildquelle: ©  Pavlo Vakhrushev – fotolia.com



Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 10. November 2016 um 17:02 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Digitalisierung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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