Kennen Sie Primark? Bitte Vorsicht und vor allem als Volljähriger Abstand halten: Wenn dieser Mode-Discounter irgendwo eine neue Filiale eröffnet, ist der absolute Wahnsinn vorprogrammiert. Kinder und Jugendliche flippen völlig aus. Dafür wird die Schule geschwänzt, das Taschengeld auf den Kopf gehauen und anschließend geht der Ausnahmezustand in Form virtueller Modeschauen im Internet weiter.

Die irische Firma wurde 1969 in Dublin gegründet. Ihr Geschäftsmodell ist schnell beschrieben: Primark vertreibt preiswerte Kleidung für junge Leute. In Europa existieren rund 260 Filialen, in denen etwa 28.000 Mitarbeiter beschäftigt werden – viele in Teilzeit. Das Geheimnis: Trendy wie H&M, dabei billig wie KiK.

Zuletzt hatte das Unternehmen ganz schlechte Presse: Da war der schreckliche Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesh im Jahr 2013 mit über 1.000 Toten und vielen tausend Verletzten, wo Näherinnen unter katastrophalen Bedingungen arbeiten mussten. Auch Primark ließ dort produzieren, zahlte anschließend neun Millionen Dollar Entschädigung an betroffene Familien. 2014 tauchten in Primark-Kleidungsstücken eingenähte Hilferufe asiatischer Zwangsarbeiter auf, die über grauenhafte Arbeitsbedingungen klagten. Angeblich alles Fälschungen, aber das wurde nicht aufgeklärt.

Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlt“ – mit diesen eindringlichen Worten richtete sich Hubertus Thiermeyer von Verdi an potenzielle Käufer. Diese kratzt das nicht sonderlich. Eine 13-jährige, die von der Süddeutschen befragt wurde: „Ja, klar, die Kleider von Primark werden bestimmt alle von Kindern genäht, aber ich kann mir kein T-Shirt für 30 Euro leisten.“ Aber für zwei Euro leistet sie es sich schon – und diese Teile werden dann oft nach dem Tragen gar nicht mehr gewaschen, sondern gleich weggeschmissen. Lohnt sich nicht. Was für eine Kultur ist das?

Nun geht Primark in die Offensive. Das Ziel: Image aufpolieren! Wie könnte das in der heutigen Zeit besser gehen, wie wenn man sich ein „Label“ verpasst, das auf die Einhaltung irgendwelcher Standards hinweist. Und natürlich auch ein proaktiver Umgang mit dem Thema Interessenvertretung der Mitarbeiter. Wo letzte Woche noch die Gewerkschaft vom Wachdienst aus dem Laden geschmissen wurde, rollt man ihr heute den roten Teppich aus und proklamiert, wie wichtig man Betriebsräte fände.

Genau das passiert gerade: Auf der Webseite von Primark entstand ein großer Bereich, in dem das Unternehmen seine „ethischen Prinzipien“ darlegt. Hier spricht man von fairen Löhnen, von durch den Verhaltenskodex verbotener Kinderarbeit, von Anbauprogrammen für „grüne“ Baumwolle und von vielem Wohlklang mehr. Das liest sich leicht und schlüssig und ist grafisch sehr attraktiv dargestellt. Dennoch verbleibt am Ende der Rest gesunden Menschenverstands, der signalisiert, dass da was nicht stimmen kann – die extrem niedrigen Preisen sprechen ihre Sprache.

Und das alles jetzt noch mit Betriebsrat? In der Filiale Berlin-Steglitz arbeiten 450 Beschäftigte, bisher betriebsratslos. Die Bedingungen gelten als schwierig. Die Arbeit ist körperlich anstrengend. Auch die gesundheitliche Belastung erscheint hoch: In der Kleidung stecken möglicherweise künstliche Weichmacher, die allergisierende oder vielleicht sogar krebserregende Dämpfe erzeugen können. Hinzu kommt aggressives Kundenverhalten, eine entsprechende Lautstärke im Laden und noch so manches mehr. Vor kurzem verwehrte Primark Berlin der Gewerkschaft Verdi noch den Zutritt zum Laden, vor wenigen Tagen verkündete das Unternehmen nun eine Kooperationsbereitschaft, soweit es um die Gründung eines Betriebsrats geht. Markus Hoffmann-Achenbach von Verdi gibt sich zuversichtlich: „Wir können es schaffen, noch vor dem Weihnachtsgeschäft gemeinsam mit den Beschäftigten eine echte Interessenvertretung zu gründen. Der Betriebsrat kann dann loslegen und für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sorgen. Voraussetzung ist, dass das Management seinen Kurs und seine Zusagen einhält“.

Das bleibt abzuwarten. Von den 13 Filialen in Deutschland verfügen nur vier über einen Betriebsrat. Erfahrungen gibt es also nur wenige. Eins sollte man bei aller Primania und der Kritik gerade an dieser Firma nicht vergessen: Primark ist nur eines von vielen Textilunternehmen, das unter den geschilderten oder ähnlichen Bedingungen produzieren lässt. Also kein Einzelfall! Die Organisation Clean Clothes Campaign hat eine App speziell zu dieser Problematik entwickelt. Mit Hilfe dieser app kann man beim Einkauf überprüfen, wie es um die ethische Einstellung eines Unternehmens, vor allem was faire Löhne und Arbeitsbedingungen angeht, so bestellt ist. Wie so oft gilt: Man kann als Kunde immer mit den Füßen abstimmen. Nur: Die meisten scheinen dafür keinen Bedarf zu sehen. Primark – so kauft man also Kleidung im Jahr 2014.

Bildquelle: © tupungato  – iStockphoto



Dieser Beitrag wurde am Montag, 28. Juli 2014 um 16:31 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsschutz, Betriebsrat, Gesundheitsschutz abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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