von Peter am 19.10.2010, 16:44 Uhr , Kategorie: Gesundheitsschutz

Früher machte man um eine Geburt kein großes Aufheben: Die hochschwangere werktätige Frau durfte auf dem Feld solange schuften, bis ihre Wehen einsetzten, anschließend erfolgte die Geburt unter schwierigsten hygienischen Bedingungen, dann einmal durchschnaufen und weiter ging’s. Entsprechend hoch waren die Todesraten bei Säuglingen und Müttern. Diese finsteren Zeiten sind längst vorbei. Der Schutz werdender Mütter vor und nach der Geburt wurde vor allem in den letzten 130 Jahren kontinuierlich ausgebaut. Nun steht eine weitere Verbesserung ins Haus: Das Europäische Parlament will den Mutterschutz in der Europäischen Union vereinheitlichen. Das Ziel lautet 20 Wochen bei vollem Lohnausgleich.

In Deutschland sind werdende (erwerbstätige) Mütter gesetzlich geschützt. Bereits 1878 wurde geregelt, dass für Fabrikarbeiterinnen nach der Geburt eines Kindes ein dreiwöchiges Arbeitsverbot gelte. Das Mutterschutzgesetz in seiner heutigen Form existiert seit 1952. Es schreibt vor, dass werdende Mütter sechs Wochen vor dem Geburtstermin nicht mehr beschäftigt werden dürfen, nach der Entbindung weitere acht Wochen nicht. Es existieren diverse Sonderregelungen, so zum Beispiel für Frauen, die schwere körperliche Arbeit leisten oder für den Fall von Früh- und Mehrlingsgeburten. Im Normalfall dauert der Mutterschutz 14 Wochen.

Damit liegt Deutschland in Europa gemeinsam mit Malta auf dem letzten Platz, denn in allen anderen Ländern werden Frauen zeitlich länger geschützt, wenn auch nicht immer bei vollem Lohnausgleich. Das Europäische Parlament will die Mutterschutzregeln nun EU-weit vereinheitlichen: 20 Wochen bei vollem Lohnausgleich sowie die Einführung eines ebenfalls bezahlten zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub. Dieses Vorhaben bringt deutsche Arbeitgeber auf die Palme. Frontmann Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, geht lobbymäßig in die Offensive: Nicht nur, dass die deutsche Wirtschaft dadurch mit geschätzten Zusatzkosten von 1,7 Milliarden Euro belastet werde, auch die Beschäftigungschancen von Frauen würden dadurch sinken, da die Verlängerung der Fristen praktisch ein weiteres  Einstellungshindernis bei vielen Arbeitgebern darstelle.

Eine offene Drohung: Verlängert Ihr die Fristen, dann stellen wir weniger Frauen ein! So funktioniert Wirtschaft, so funktioniert Lobby-Arbeit. Die Diskriminierung tropft aus jeder Silbe der Äußerungen, wie wenn es das AGG nie gegeben hätte. Widerlich!

Von der Verlängerung des Mutterschutzes auf 20 Wochen hängt sicherlich nicht das Wohl und Wehe der Mütter dieses Landes ab. Aber: Es wäre ein positives Signal, so auch die Süddeutsche Zeitung, das den Wert von Kindern betont und Frauen den Druck nimmt, allzu bald nach der Geburt wieder arbeiten gehen zu müssen. Die Arbeitgeber können sich sowieso zurücklehnen: Nachdem das EU-Parlament die Richtlinie in erster Lesung behandelt hat, müssen sich die Mitgliedsstaaten im Ministerrat verständigen. Anschließend erfolgen weitere Verhandlungen zwischen EU-Kommission, Parlament und Rat. Dass dann am Ende tatsächlich EU-weit 20 Wochen herauskommen werden, dürfte ziemlich unwahrscheinlich sein.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 19. Oktober 2010 um 16:44 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Gesundheitsschutz abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Comments »

  1. Wieso bleibt das eigentlich an dem einzelnen Arbeitgeber hängen? Könnte man nicht einen Geldtopf einrichten, in den alle Unternehmen einzahlen, und aus dem die Ansprüche der Mütter und Väter dann befriedigt würden? Dann könnten sich die Arbeitgeber auch nicht durch Nichteinstellung von Frauen im gebärfähigen Alter vor der gesellschaftlichen Verantwortung drücken.

    Kommentar von: Mario – am 20. Oktober 2010 um 09:59

  2. Ich bin auch dafür, daß die Kosten der Lohnfortzahlung werdender/gerade gewordender Eltern von der ganzen Gesellschaft getragen werden sollten (alternativ von allen Arbeitgebern gemeinsam). Habe diese Idee allerdings nicht komplett durchdacht ;-).

    Außerdem hatte ich mal die verrückte Idee, daß der Mutterschutz (vor und nach der Geburt) auch für die Väter gelten sollte! Also: darf die Schwangere nicht mehr arbeiten, gilt das auch für den Erzeuger :-). Damit wäre das Risiko, eine Frau einzustellen, die nach Beendigung der „Probezeit“ schwanger wird, auch bei den Männern gelandet ;-). Leider trügen die Männer das Einstellungsrisiko („der neue Mitarbeiter könnte eine Frau schwängern und dann wochenlang ausfallen“) wesentlich länger als Frauen, aber vielleicht wäre das ausgleichende Gerechtigkeit? 😉

    Kommentar von: Clara – am 27. Oktober 2010 um 20:02

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