von Peter am 09.12.2011, 16:43 Uhr , Kategorie: Burn-out, Gesundheitsschutz, ifb intern, Seminare

Ersthelfer wissen Bescheid! Bei Erreichen eines Unfalllortes lautet die wichtigste Regel: Safety first! Erst sich selbst absichern, dann erst um die anderen kümmern. Hat nichts mit Egoismus zu tun. Eher mit der Überlegung: Wie soll man anderen helfen, wenn man selbst gleich einbricht?  „Und das bedeutet für den Fall eines Druckverlustes: Immer erst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, dann erst dem Sitznachbarn.“ An dieser Stelle hält die Hamburger Psychologin Andrea Danker (im Bild links) inne. Über 100 Betriebsräte, Personalräte und Mitglieder von kirchlichen MAV-Vertretungen sitzen vor der Burn-out-Expertin im Vortragssaal eines großen Leipziger Hotels. Sie fährt fort: „Für Betriebsräte gilt nichts anderes: Wer sich in seinem Amt um Burn-Out-Betroffene kümmert, der muss auch ganz dringend sich selbst genau im Auge behalten. Denn neben Führungskräften gehören vor allem die Mitarbeitervertreter zur besonders gefährdeten Zielgruppe. Bitte vergessen Sie nicht: Als Betriebsrat haben Sie Vorbildcharakter.“ Die Psychologin weiß aus Erfahrung, dass gerade wegen der häufig vorkommenden Doppel- und Mehrfachfunktion die Belastungen bei Betriebsräten durch Stress überdurchschnittlich hoch sind.

Vier Fachtagungen veranstaltete das ifb Institut zur Fortbildung von Betriebsräten zum Thema Psychische Belastungen am Arbeitsplatz im Jahr 2011.  „Wenn Arbeit krank macht: Burnout, Stress und innere Kündigung„, so der offizielle Titel. Ines Heinsius leitet beim ifb den Fachbereich Arbeits- und Gesundheitsschutz: „Manche meinen ja immer noch, Burn-out sei nur eine Modeerscheinung. Aber von wegen: Nach statistischen Angaben erleiden mittlerweile etwa 25-30% aller Beschäftigten während ihres Arbeitslebens ein Burn-out-Syndrom.“ Manche Branchen seien dabei leider besonders stark betroffen, erläutert die Juristin: „Wir haben überdurchschnittlich viele Teilnehmer aus den Bereichen Banken, Versicherungen, vor allem aber von medizinischen Heilberufen wie sie sehr oft in Krankenhäusern vorkommen.“ Dabei sei es kein Geheimnis, dass diejenigen, die von Berufs wegen anderen helfen, auch selber stärker gefährdet seien.

Die zwei Tage in Leipzig waren angefüllt mit Workshops, Vorträgen und vielen fachlichen Gesprächen am Rande. Den Eröffnungsvortrag bestritt Tatjana Reichhart (links) vom Centrum für Disease Management (CFDM) der TU München. Ihr Thema: „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz – Was können Unternehmen tun?“ Die Ärztin arbeitet als Psychiaterin am CFDM und ist in den Bereichen Patientenversorgung, Forschung und Fortbildung für Krankenkassen und Firmen tätig. Sie beeindruckte mit schwindelerregenden Zahlen: Bis zu 30 Arbeitstage würde eine durchschnittliche psychische Erkrankung im Schnitt dauern. Dabei seien neben den persönlichen und nicht meßbaren Leiden der Betroffenen auch die Kosten für die Unternehmen erheblich: Ein Betrieb mit 1.000 Beschäftigten müsse pro Jahr mit rund 5-6 Millionen Euro rechnen, die durch Fehltage und verminderte Produktionsleistung aufgrund Burn-out verursacht werden.

Sechs interessante Workshop-Themen waren auf der Fachtagung im Angebot. Jeder Besucher konnte sich vier davon aussuchen und damit sein eigenes persönliches Programm zusammenstellen. Über den richtigen Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern ging es bei Michael Fetscher. Der Psychologe und Mediator informierte, wie man von Burn-out betroffene Kollegen erkennen könne und am Besten mit ihnen ins Gespräch kommt. Dabei stellte er vorbeugende und unterstützende Maßnahmen vor, die der Betriebsrat selbst einleiten kann.

Das Thema „Gefährdungsbeurteilung“ wurde ebenfalls stark nachgefragt. Hier demonstrierte ein Experte für betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz, wie man als Betriebsrat Stressquellen vor Ort erkennen, bewerten und im Idealfall beseitigen kann. Den Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und körperlichen Beschwerden stellte Referentin Doreen Schaulat her. In ihrem Workshop „Aus dem Gleichgewicht“ erklärte die Physiotherapeutin, wie die Schnittstellen zwischen Körper und Geist genau funktionieren und gab viele Ratschläge und Tipps für praktische Soforthilfemaßnahmen.

Wilhelm Sannemann, ehemaliger klinischer Suchttherapeut, leitet seit vielen Jahren die beiden Sucht-Arbeitskreise des ifb. Auch in der Suchtberater-Ausbildung ist er aktiv im Einsatz. In seinem Workshop „Pille statt Pause“ ging er sehr offen und mit zum Teil krassen Beispielen darauf ein, dass und wie immer mehr Arbeitnehmer heutzutage zum Zwecke persönlicher Leistungssteigerung mit Suchtmitteln am Arbeitsplatz hantieren. Erschreckend, so der Tenor einiger Besucher!

Wie der Betriebsrat psychische Belastungen zum Thema im Betrieb machen kann, darum ging es in einem Öffentlichkeits-Workshop. Burn-out sei ja von der inhaltlichen Akzeptanz her häufig schon im Gremium selbst ein Problem. Aber auch die Mitarbeiter und Vorgesetzten reagieren oft ablehnend. Die Referentin, eine erfahrene Psychologin, gab den Besuchern Hilfsmittel an die Hand, damit eigene Strategie im Betrieb entwickelt und umgesetzt werden können.

„Wer sich ärgert, büßt für die Sünden anderer Menschen!“ Warum ärgert man sich über Dinge, die man nicht ändern kann? Eckhart Müller-Timmermann meint: „Vieles ist wie es ist! Akzeptiert man das, hat man einen gewichtigen Stressfaktor weniger im Leben. Der Kieler Gesundheitspsychologe half im Workshop „Fit trotz Stress“ dabei, die eigenen Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Die richtige Balance im Leben zu halten, darauf komme es an, so der Experte. Er gab viele Ratschläge, wie man die „mentalen Einpeitscher“ im Kopf, also solche Dinge, die einen in bestimmte Verhaltensmuster fallen lassen und Stress auslösen, lokalisieren und mit ihnen besser umgehen kann.

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war die Podiumsdiskussion mit der Hamburger Psychologin Andrea Danker sowie zwei Burnout-Betroffenen, die in sehr großer Offenheit von ihren psychischen Erkrankungen erzählten (siehe Bild ganz am Anfang). Da ist Christian Staack, Mitglied im Betriebsrat eines großen Finanzdienstleisters. Ein eigenes Haus auf Abzahlung, eine Familie mit zwei Kindern und einen recht guten Job habe er gehabt, berichtet er. Dann seien plötzlich betriebsbedingte Kündigungen um ihn herum eingeschlagen. Und damit begann sich seine Burnout-Spirale zu drehen: Er verordnete sich Leistung, Leistung und immer noch mehr Leistung. Kritische Rückmeldungen zu seiner Person aus seinem persönlichen Umfeld ignorierte er. Erst der Arzt konnte ihn überzeugen: „Ich verstand erst nicht, was er gemeint hat, als er mich wegen eines Burnouts krankschreiben wollte. Das ginge jetzt nicht, versuchte ich ihm zu erklären. Schließlich hätte ich in der Arbeit gerade ein sehr wichtiges Projekt am Laufen…“ Sechs Wochen stationärer Klinikaufenthalt waren die Folge. Heute gehe es ihm wieder gut, er habe für sich neue Prioritäten gesetzt und überhaupt mehr „Säulen“ im Leben geschaffen, auf die er sich nun stützen könne.

Ein ähnliches Schicksal erlitt Ute Steinberg, Betriebsratsmitglied bei einem kleineren Chemie-Dienstleister. Sie erzählt von dem enormen Stress, den sie arbeitstechnisch hatte. Sehr schwierige und aufreibende Sozialplanverhandlungen im Betriebsrat. Schlafstörungen folgten. Der für sie so wichtige Laufsport schuf irgendwann keinen Ausgleich mehr. Alles drehte sich immer schneller, dann auf einmal das Aus. Eine längere ambulante arbeitsbegleitende Therapie folgte. In dieser habe sie gelernt, wieder auf die Signale zu achten, die ihr der Körper sende: Wenn heute die Haut zu brennen beginne oder der Schweiß ausbricht, dann schalte sie sofort mehrere Gänge zurück. Auch „Nein “ sagen könne sie nun ganz gut. Früher ging das gar nicht.

Fachtagungsleiterin Ines Heinsius freut sich, dass das Angebot bislang so gut angenommen wurde. „Das ifb hat schon etliche Fachtagungen in vergleichbarer Größenordnung durchgeführt, aber eine so große Nachfrage haben wir bislang noch nicht erlebt. Vier Fachtagungen konnten wir in diesem Jahr durchführen, über 500 Betriebs- und Personalräte nahmen daran teil.

Es sei eine sehr runde Veranstaltung gewesen, in der alles zur Sprache kam, was ein Betriebsrat zum Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz zum Einstieg wissen sollte. Ines Heinsius verdeutlicht das: „Drei bis vier mehrstündige Workshops auf einer Fachtagung können dem Interessierten natürlich nur einen ersten Überblick geben. Wir wollen den Betriebsrat sensibilisieren! Danach ist ein vertiefter Einstieg möglich. Im Seminar „Im Brennpunkt: Betriebsrat und Burn-out“ schulen wir Betriebsräte, wie sie Burn-outs erkennen können und den Ablauf verstehen. Wir machen die Teilnehmer mit wirksamen Strategien vertraut, wie effektive Vorbeugung aussehen kann.“

Ab 2012 bietet das ifb ein neues Aufbau-Seminar an: In „Betriebsrat und Burn-out Teil II“ gehe es dann um die Kollegen-Hilfe: Das Gespräch mit Burn-out-gefährdeten oder bereits betroffenen Mitarbeitern steht hier im Mittelpunkt. Wie bereitet der Betriebsrat das Gespräch vor, wie führt er es optimal und was kann er anschließend veranlassen, um die Hilfe für den Betroffenen zu konkretisieren? Mit der Unterstützung von erfahrenen Psychologen und an Hand von Rollenspielen sollen die Seminar-Teilnehmer in die Lage versetzt werden, in ihrem Betrieb bei Burn-out effektiv und nachhaltig zu helfen.

Wer es 2011 nicht geschafft hat, die Fachtagung zu besuchen, der hat nächstes Jahr erneut Gelegenheit dazu. Institutsleiter Hans Schneider teilte mit, dass die Veranstaltung „Wenn Arbeit krank macht: Burn-out, Stress und innere Kündigung“ vom 13. – 15. Juni 2012 in Dresden noch mal aufgelegt werde (Sem-Nr. 91-601A). „Anfragen erreichen uns nahezu täglich. Am Telefon aber auch online wird stark nachgefragt„, erklärt Schneider. Als Seminarveranstalter habe das ifb eine feine Antenne, für welche Themen sich Betriebsräte aktuell besonders interessieren: Burn-out stehe dabei schon länger im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. „Und so wie es aussieht, wird das wohl noch länger der Fall sein.

Peter

 

Bildquellen: © ifb



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