Kurzarbeit Gesundheitssektor während Corona
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Kurzarbeit im Krankenhaus – das klingt seltsam in Zeiten der Corona-Pandemie. Doch tatsächlich haben erste Kliniken Kurzarbeit angezeigt, denn vielerorts gibt es leere Betten. Warum ist das so? Wir sprachen mit Kai Holm, der als Betriebsratsvorsitzender des Elbe Klinikums Stade derzeit das Thema Kurzarbeit auf dem Tisch hat.

Herr Holm, wie ist die aktuelle Corona-Situation in den Elbe Kliniken Stade?

Zum Glück sehr entspannt. Wir hatten in der Corona-Krise bislang nie mehr als drei Intensivpatienten auf einmal, meistens war es nur einer. Auf der Infektionsstation gab es neben ein paar Verdachtsfällen im Schnitt jeweils zwei bis fünf Fälle. Wir sind also bisher prima durchgekommen. Im ganzen Landkreis Stade sind die Zahlen derzeit sehr gut.

Im Moment liest man viel über das Thema Kurzarbeit. Hätten Sie gedacht, dass es in Ihrer Klinik ein Thema werden könnte?

Der Anruf kam schon überraschend, dass wir über Kurzarbeit verhandeln müssen. Vor Corona war ich mir sicher: Zu wenig Arbeit wird nie unser Problem werden. Jetzt bin ich eines Besseren belehrt. Natürlich werden wir im Gesundheitswesen dringend gebraucht. Wegen Corona werden aber in den Kliniken Betten freigehalten und OPs abgesagt. Gerade zu Beginn wusste ja niemand, wie schlimm die Pandemie werden würde. Das hat zur Folge, dass nun Kurzarbeit im Raum steht.

Was haben Sie mit dem Arbeitgeber ausgehandelt?

Wir sind uns einig, dass wir Kurzarbeit vermeiden wollen. Aber durch die staatlichen Anordnungen durften wir lange nur 40 % unserer Betten belegen und die Ambulanzen nicht betreiben. Irgendwann ist auch der größte Berg an Überstunden abgebaut und der Urlaub verplant. In unserer Betriebsvereinbarung zur Kurzarbeit sind jetzt z.B. examinierte Pflege und Mediziner ausgenommen. Die Kollegen können zudem bis zu 25 Stunden ins Minus gehen. Schafft der Arbeitgeber nicht die Möglichkeit, diese bis Ende 2021 abzurufen, verfallen sie zu Gunsten der Kollegen. Außerdem können Elternzeit vorgezogen und „Stand-by-Dienste“ genutzt werden. Das bedeutet, dass sich der Mitarbeiter nur zwei Stunden bereithalten muss. Diese Zeit bekommt er voll bezahlt.

Und finanziell, wie steht es mit dem Thema Aufstockung?

Wir konnten eine Aufstockung aushandeln, der Arbeitgeber gibt 20 % dazu. Der Gedanke dazu war, die Kurzarbeit möglichst teuer zu machen. Denn auch das hilft ja bei der Vermeidung, sie wirklich einzusetzen. Derzeit ist noch niemand bei uns in Kurzarbeit.

Wie hat es mit der Information der Kollegen funktioniert?

Wir haben ein Info-Blatt herausgegeben und sind außerdem viel rumgelaufen, um die Kollegen zu informieren. Keine leichte Aufgabe bei 1.700 Mitarbeitern, die ja nicht alle Zugang zu einem PC haben. Aber es ist uns gut gelungen. Es weiß ja jeder, dass das Problem, das zu Kurzarbeit führen könnte, von außen kommt und nicht „hausgemacht“ ist.

Was meinen Sie, welche Lehren sollten aus der Corona-Krise für die Arbeit von Betriebsräten gezogen werden?

Man hat ja gesehen, wie sehr die Möglichkeit von Videokonferenzen für Betriebsräte zu Beginn gefehlt hat. Auch nach Corona sollte das als Notfalloption erhalten bleiben. Der Gesetzgeber muss auf die neuen Zeiten reagieren. Auch die Teilnahme im Krisenteams des Arbeitgebers müsste im Betriebsverfassungsgesetz verbindlich geregelt werden. Denn viele Betriebsräte wollen sich ja wirklich einbringen, aber manche Arbeitgeber sperren sich leider dagegen. Dabei ist es klug, Betriebsräte von Anfang an einzubinden! Bei uns klappt das zum Glück schon gut.

Was wünschen Sie sich für die Beschäftigten in den Krankenhäusern?

Vom Physiotherapeuten bis zum Küchenpersonal: Ganz wichtig ist mir, dass alle Menschen, die ein Krankenhaus am Leben halten, auch gewürdigt werden. Und die Wertschätzung darf nicht wieder beim Applaus enden. Wir brauchen eine zuverlässige Mindestbesetzung und außerdem eine verbindliche und angemessene Vergütung für alle Mitarbeiter eines Krankenhauses. Nehmen Sie als Beispiel die Prämie von 1.500 €. Sie wurde groß angekündigt, jetzt ist sie auf 1.000 € eingedampft. Und die Krankenpflege ist gar nicht erfasst, es geht nur um die Altenpflege! Das war sehr schlecht kommuniziert von der Politik und ist sehr enttäuschend für unsere Mitarbeiter hier. Es muss jetzt was kommen, Stichwort Motivation! Eine Möglichkeit wäre eine reduzierte Steuerlast für systemrelevante Berufe. 

Was denken Sie, welches werden die Top-Themen für Sie als Betriebsrat in den kommenden Wochen?

Die drei großen Themen werden in der Gesundheitsbranche wohl Vergütung, Führung von Stunden-Konten und Home-Office sein. Ein Herzensanliegen ist mir außerdem, dass wir dann auch wieder die Mitbestimmung korrekt einhalten, der Krisenmodus muss irgendwann enden. Sprich, wir müssen wieder den korrekter Ablauf einhalten und nicht auf das schnelle Durchdrücken von Themen verwiesen werden.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wird die bevorstehende Wirtschaftskrise auch die Krankenhäuser treffen?

Ja, auch wir Krankenhäuser geraten in die Krise. Unser Umsatzvolumen bricht ja ein. 560 € pro nicht belegtem Bett, die wir vom Staat bekommen, reichen bei einem Maximalversorger vorne und hinten nicht. Das hat die Politik wohl inzwischen erkannt, aber nicht gelöst. Im Moment müssen wir von einem riesigen Defizit von mindestens 10 Millionen € für dieses Jahr ausgehen. Die Lage war ja vorher schon angespannt, aber nun wird es eine Wirtschaftskrise in den Klinken geben. Persönlich haben mir die letzten Wochen aber auch gezeigt: „Wir können Notfall“. Das ganze Team hier hat die letzten Wochen wunderbar zusammengearbeitet und alles sehr professionell gemeistert.



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 19. Mai 2020 um 08:18 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Betriebsrat, Kurzarbeit abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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