Der Mindestlohn kommt – das steht seit Anfang April fest. Am 2.4.2014 verabschiedete das Bundeskabinett den Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Tarifautonomie. Wichtigster Bestandteil ist ein allgemeinverbindlicher und gesetzlicher Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro. Seine Einführung ist für den 1. Januar 2015 geplant.

Keine drei Wochen sind seitdem vergangen und es mehren sich die Anzeichen, dass der Mindestlohn in der öffentlichen Meinung ganz bewusst in ein negatives Licht gerückt werden soll. Warum? Nun, immerhin genießt er in der deutschen Bevölkerung ein überragend hohes positives Ansehen: Noch letzten Sommer sprachen sich satte 86 Prozent der Wahlberechtigten eindeutig für ihn aus.

Man sollte sich nicht täuschen lassen: Mindestlohn-Gegner gibt es nach wie vor genügend. Und zwar sehr einflussreiche. Es sind, pauschal gesagt, vor allem diejenigen Arbeitgeber, die ihren Beschäftigten bislang (zum Teil deutlich) weniger als die geplanten 8,50 Euro pro Stunde gezahlt haben. Das große Ziel seit Jahren: Die Minimierung der Lohnkosten – Deutschland hat sich dabei als wahrer Meister herausgestellt. Günter Wallraf schrieb ein Buch darüber.  Der Hammer: Sieben Millionen arbeiten bislang hierzulande für einen Hungerlohn.

Und nun? Der Mindestlohn mindert ganz klar den Profit. Warum also nicht der Bevölkerung im Nachhinein gezielt vor Augen führen, wie doof man eigentlich sei, da ja nun „alles“ teurer werde. Wegen dem Mindestlohn.

So kann es einem zumindest vorkommen, wenn man Meldungen liest, die in diesen Tagen gehäuft veröffentlicht werden. Im Kleinen geht es los. Da ist das Taxifahren. Die Bild-Zeitung spricht bereits von einem drohenden Taxi-Preisschock. „Massive Preissteigerungen“ von 25% seien zu erwarten (man sollte das übrigens mal kritisch nachrechnen, da kann man schon Zweifel kriegen). Als nächstes die Frisöre. Von denen verdienen viele  geradezu unterirdisch schlecht. Seit kurzem gibt es in dieser Branche nun einen eigenen Mindestlohn. Die Folge: Höhere Kosten – sogar die Kunden blieben schon weg, behauptet die Süddeutsche. Setzt das Frisörsterben ein? Man könnte es fast glauben.

Seit gestern nun der Tiefschlag. Sie ahnen es. Wo sparen die Deutschen am allerliebsten? Genau, bei Lebensmitteln. Und jetzt die passende Meldung dazu: Gemüse wird teurer, der leckere Spargel etwa und, oh nein, sogar die geliebten Erdbeeren. Grund: Natürlich wieder der Mindestlohn. Schließlich müssen Saisonarbeiter (ausländische!) ja nun besser entlohnt werden. Mal ehrlich: Ist das so schlimm?

Wie eingangs erwähnt finden 86 Prozent der Deutschen den Mindestlohn gut und richtig. Dass man ihn nicht zum Nulltarif bekommt, sollte jedem klar sein. Für alle anderen Bereiche im Leben ist man bereit, langfristig mehr zu bezahlen. Der Grund ist bei vielen Preissteigerungen dabei nicht immer ersichtlich. Dass das Geld nicht auf Bäumen wächst, ist klar. Aber wenn ich weiß, dass das Geld, das ich nun fortan für bestimmte Dinge mehr bezahlen muss, letztlich einem Niedriglöhner zu Gute kommt, der dann zwar immer noch nicht angemessen, wohl aber zumindest nach einem gesetzlichen Standard und nicht mehr nach einer lohn-ungerechten Willkür bezahlt wird, dann kann zumindest ich ganz gut damit leben.

Wenn das konzertiert so weiter geht, können wir uns noch auf etliche Meldungen dieser Art einstellen. Getränkepreise werden folgen (Bier, wetten?), irgendwann sicher auch Zigaretten, Süßigkeiten, Zeitschriften, Benzin sowieso, Urlaubsreisen, halt alles, was vielen lieb und teuer ist. Schuld daran? Wird immer der Mindestlohn sein! Und gibt man ihm nicht die unmittelbare Verantwortung, so wird man ihn zumindest im Umfeld der Meldung platzieren. Das Ziel ist, dass sich langfristig dieser Gedanke festsetzt: Der Mindestlohn – er bringt eigentlich nichts („Aufstocker bleibt Aufstocker“ – die Meldung dazu siehe hier), er macht nur das ganze Leben wieder etwas teurer. Auf dass die Bevölkerung bei der nächsten Verbesserung in einem sozialen Bereich dies nicht mehr mit aberwitzigen 86 Prozent gutheißen wird. Sondern sich bei vielen die Stirn in Falten legt und man sich fragt, was einen das wohl wieder kosten werde. Im Verborgenen wird die Gesellschaft dadurch einen Schritt unsozialer.

Bildquelle: © Fontanis – iStockphoto



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 23. April 2014 um 14:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Mindestlohn abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Natürlich werden viele Leute „Aufstocker“ bleiben – aber das hat nichts mit dem Stundenlohn zu tun, sondern damit, dass viele davon nur auf 450€-Basis arbeiten (können). Also, z.B. Mütter. Denen wird der Mindestlohn da nicht weiterhelfen. Logisch, oder?

    Ein Mindestlohn kann auch nur bei Vollzeitarbeit zu einem angemessenen Einkommen führen, mit dem man ohne „Aufstockung“ leben kann. Dass das bei Teilzeit und Mini-Job nicht immer klappen kann, bringen die Umstände einfach mit sich und war schon immer so…

    Außerdem: ich finanziere diese „Aufstocker“ sowieso, egal ob ich mehr für die Waren/Dienstleistungen zahle oder ob ich es über meine Steuern und Abgaben finanziere. Da habe ich doch dann lieber noch ein Produkt dafür, als Abgaben ins „Leere“ zu zahlen. Zusätzlich finde ich es seltsam, dass gerade auch Branchen mit hohem Automatisierungsgrad (Zigaretten, Süßigkeiten, …) über die extremen Lohnsteigerungen klagen.

    Und: Unternehmen, die ihre Mitarbeiter jetzt schon gerecht bezahlen und halbwegs schlau sind, werden ihre Preise nicht erhöhen, dies als Wettbewerbsvorteil nutzen und dadurch Marktanteile gewinnen. So wird das Lohndumping für die Ausbeutungs-Firmen zur Retourkutsche.

    Kommentar von: A. R. – am 28. April 2014 um 14:10

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