Ob man von einem Recht auf Lästern sprechen kann, ist fraglich, aber zumindest kann man nicht sofort fristlos gekündigt werden, wenn man mal in einem Kollegengespräch den Chef so richtig ordentlich „ausrichtet“. Diese Ansicht vertritt das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in einem neuen Urteil von Anfang September, welches nun bekannt wurde. Aber Vorsicht: Wie überall im Recht lauern auch hier klitzekleine Fallstricke.

Im Streitfall hatte eine Arbeitnehmerin im Betrieb mit einer Auszubildenden geplauscht (manche würden es lästern nennen) und sich dabei recht kritisch über den Chef und die Arbeitsatmosphäre geäußert. Mit einem Spruch wie „Das behältst Du jetzt aber bitte schön für dich“ oder so ähnlich stellte sie dabei klar, dass das Gesagte zwar in die Rubrik Klatsch und Tratsch, vielleicht auch Dichtung und Wahrheit fällt, aber dennoch die Mauern dieses Raumes nicht verlassen möge. Leider war dieVertraulichkeit des Wortes nur recht kurzfristig vorhanden, was in der Konsequenz dazu führte, dass der Vorgesetzte vom Inhalt des Gesprächs erfuhr. Seine Reaktion: Er kündigte der Kollegin wegen übler Nachrede und Beleidigung außerordentlich, somit fristlos.

Die Sache ging vor Gericht: Erst zum Arbeitsgericht Koblenz, dann in die Berufung zum Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz. Dieses sah jedoch für eine außerordentliche Kündigung keinen Grund (LAG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 08.09.2009, Az. 1 Sa 230/09).

Zitat: „Zwar sind gelegentliche Gespräche über persönliche Dinge während der Arbeitszeit in vielen Betrieben durchaus üblich und im Hinblick auf ein gutes Betriebsklima möglicherweise auch wünschenswert, sie sind jedoch nicht Teil der Arbeitsleistung und dienen dieser auch nicht unmittelbar. […] Arbeitnehmer sind nicht gehalten, von ihren Arbeitgebern nur positiv zu denken und sich in ihrer Privatsphäre ausschließlich dementsprechend zu äußern. Hebt allein der Gesprächspartner gegen den Willen des sich negativ über seinen Arbeitgeber äußernden Arbeitnehmers die Vertraulichkeit auf, kann dies arbeitsrechtlich nicht zu Lasten des auf die Vertraulichkeit des Gespräches bauenden Arbeitnehmers gehen.“

Entscheidend war hier, dass die Arbeitnehmerin in Gegenwart der Auszubildenden über den Chef gelästert und dabei darauf vertraut hat, dass dies unter vier Augen bleiben würde und auch darauf vertrauen durfte. Nur deswegen wurde sie hier von ihrem Recht auf Privatsphäre geschützt! Ein schmaler Grad: Generell sollte man sehr aufpassen, was man über seinen Chef oder die Firma sagt. Der berühmte Fußballspieler Philipp Lahm, letztlich auch nur ein den Arbeitnehmerbegriff füllender Mensch, musste dies kürzlich ebenfalls erfahren. Zwar hat er nicht direkt gelästert, sondern lediglich die Wahrheit gesagt, ich meinte natürlich seine Meinung, aber auch dafür gab’s vom Verein ziemlich feste eins auf den Deckel! Drum merke: Die möglichen Konstellationen sind hier sehr vielfältig und deswegen sollte man im Zweifel lieber einmal zurückstecken, als lautstark auf sein Grundrecht zu pochen!

Peter

Urteil des LAG Rheinland-Pfalz im Volltext

Das berühmte Interview von Philipp Lahm mit der Süddeutschen Zeitung im Volltext



Dieser Beitrag wurde am Freitag, 27. November 2009 um 15:55 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kündigungsschutz, Rechtsprechung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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2 Comments »

  1. Kann ich alles unterschreiben – aber bitte der gute Phillipp Lahm hat es nicht unter 4 Augen einem Kollegen erzählt, sondern einer Zeitung, also mit dem Wissen, dass es weite Verbreitung findet – das ist wohl ein Unterschied oder?

    Wie auch immer, als BVB Fan, fand ich das trotzdem gut, auch wenn ich „befangen“ bin.
    Gruß an IFB Team, alle Fußballfreunde dort, selbst, ja ja ja, selbst an den Herne West Fan unter Euch!

    Gruß M.

    Kommentar von: murakami3kyu – am 29. November 2009 um 19:44

  2. Im Grundgesetz steht doch etwas von freier Meinungsäußerung, deshalb verstehe ich persönlich diese ganzen Rechtstreitigkeiten nicht!
    MfG V. Szemes

    Kommentar von: Szemes Veronika – am 15. Dezember 2009 um 10:58

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