Max. Xaver Steibl ist heute 34 Jahre alt. Er absolvierte eine Ausbildung zum Kommunikationelektroniker. Nach Bundeswehr und einer weiteren fachlichen Fortbildung arbeitete er viele Jahre lang im IT Support eines Unternehmens als Netzwerktechniker. Wir vermuten, Herr Steibl ist ein sehr netter Kollege. Arbeitgeber stehen vermutlich irgendwie auf ihn. Allein, wir werden es nie erfahren, denn: Es gib ihn nicht!

Herr Steibl ist die Erfindung eines über 50jährigen Informationselektronikers. Der virtuelle Herr Steibl besitzt nur einen einzigen Zweck: Er soll den Nachweis führen, dass Unternehmen Stellenbewerber wegen des Alters benachteiligen. Herr Steibl soll seinem Erfinder zu einem Schadensersatzanspruch nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz verhelfen.

Herr Steibl ist knapp 20 Jahre jünger als sein Erfinder. Man kann sich schon denken, um welches verpönte AGG-Merkmal (§ 1 AGG) es gehen wird. Ein solches Vorgehen (Testing-Verfahren) ist übrigens nicht unbedingt zu beanstanden. Man hört immer wieder von Fällen, wo sich jemand bewirbt, nur um eine Absage zu erhalten. Anschließend wird dann geklagt. Die Rechtsprechung hat eine Art gefunden, damit umzugehen. Das funktioniert über das rechtsmißbräuchliche Verhalten. Arbeitsgerichte prüfen dann, ob es dem Kläger in Wirklichkeit darum geht, sich nur eine Einnahmequelle zu verschaffen. Sie checken, ob die Bewerbung ernsthaft ist. Kann der Kläger nachweisen, dass er wirklich Arbeit sucht, die Stelle im Falle des Falles angetreten hätte und auch objektiv dafür geeignet war, kann er den Anspruch nach § 15 Abs. 2 AGG weiter geltend machen. Einschränkung: Übertreibt man es mit der fiktiven Vorgehensweise , könnte ein Gericht auch mal geneigt sein, ein rechtliches Verwertungsverbot anzunehmen. Darum ging es hier aber nicht.

Der Bewerber schickte zwei Bewerbungen als Techniker an einen Medizingeräte-Hersteller in Neumünster. Dieser Ort liegt 30 Kilometer südlich von Kiel in Schleswig-Holstein. Die erste Bewerbung verfasste er fiktiv für den schon mehrfach erwähnten Herrn Max. Xaver Steibl. Die zweite Bewerbung ging einen Tag später raus und betraf ihn selbst. Die Reaktion des Unternehmens: Prompte Einladung für Herrn Steibl, etwas später die Absage für den Kläger.

Vor Gericht machte dieser Schadensersatzansprüche geltend. Der Grund: Diskriminierung aus Altersgründen. Dies ergebe sich aus der unterschiedlichen Behandlung  beider Bewerber durch den potentiellen Arbeitgeber. Denn: Beide seien nach ihrer Bewerbung fachlich geeignet gewesen. Lediglich im Alter bestünde ein Unterschied.

Während das Arbeitsgericht in Neumünster dem Kläger folgte und ihm Schadensersatz zusprach, unterlag er in der Berufungsinstanz vor dem Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein (Urteil vom 09.04.2014, 3 Sa 401/13). Die Richter bemängelten vor allem die objektive Vergleichbarkeit zwischen ihm und Max. Xaver Steibl. Beide Lebensläufe wurden dabei nebeneinander gestellt. Nicht nur das Alter unterscheide sich, auch in Punkto Qualifikation und Berufserfahrung gäbe es Abweichungen. Beispiel: Die in der Anzeige beschriebene Tätigkeit übte der Kläger zuletzt vor 15 Jahren aus, Max. Xaver Steibl jedoch angeblich bis zuletzt. Und auch andere Punkte stimmten nicht. Somit war die Diskriminierung nicht nachweisbar.

Max. Xaver Steibl gibt es nicht. Und dennoch war er viel besser qualifiziert als der Kläger. Seltsam, wie er das nur geschafft hat.

Bildquelle: © snaptitude – fotolia.com



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 04. November 2014 um 17:01 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Rechtsprechung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

«  –  »

Keine Kommentare »

No comments yet.

Leave a comment