Ein nicht alltäglicher Rechtsstreit beschäftigt derzeit das Arbeitsgericht Hagen in Westfalen. Die ungekündigte Mitarbeiterin eines Möbeldiscounters verlangt von ihrem Arbeitgeber, dass dieser ihren Geburtsort Hagen aus einem kürzlich erteilten Zwischenzeugnis ersatzlos streicht.

Die Beurteilung im Zeugnis selbst ist gut (ein „Zweier“, kein „Einser“) und steht nicht zur Debatte. Warum dann die Klage? Die ebenfalls in Hagen geborene Vorsitzende Richterin äußerte sich zu Beginn der mündlichen Verhandlung laut WAZ online verwundert: „Als ich das gelesen habe – so ganz konnte ich es kaum glauben.“ (AchtungBefangenheitsproblematik!)

Der Rechtsanwalt der Klägerin erklärte, dass sich niemand seinen Geburtsort aussuchen könne. Und deshalb sei dieser aus dem Arbeitszeugnis zu streichen. Und damit kam er auf den Punkt:Stellen Sie sich vor, ein Personalchef hat Unterlagen von zwei gleich guten Bewerbern auf dem Tisch. Der eine stammt aus München, der andere aus Karl-Marx-Stadt. Für wen wird er sich wohl entscheiden?“

So ist das also. Die Kollegin fürchtet Nachteile bei zukünftigen Bewerbungen, gerade deswegen, weil sie in Hagen geboren ist. Nun heißt Karl-Marx-Stadt aber schon lange Chemnitz und die Vier-Flüsse-Stadt Hagen im Sauerland ist zumindest in unserer Redaktion bislang nicht negativ aufgefallen, ganz im Gegenteil. Und vielleicht findet der Personalchef aus dem Beispiel vorhin München ja auch ziemlich doof (wegen dem FC Bayern oder aus irgendwelchen anderen privaten Gründen – mir persönlich unverständlich, soll aber dennoch vorkommen, schon mal daran gedacht?).

Was tatsächlich aber viel schlimmer sein dürfte: Ein ungekündigtes langjähriges Arbeitsverhältnis wird ab sofort durch einen Rechtsstreit belastet. Warum? Ohne die Hintergründe des Arbeitsverhältnisses näher zu kennen – die Sache verstört.

Dennoch: Hat die Klägerin Recht? Hat sie einen Anspruch auf Berichtigung des Zeugnisses? Man sollte § 109 GewO beachten. Dieser bestimmt, was in einem Arbeitszeugnis zu stehen hat. Vom Geburtsort ist nicht die Rede. Der Beck-Blog verweist darauf, dass Geburtsort oder Geburtsdatum den Sinn haben können, den Inhaber eines Zeugnisses zweifelsfrei zu identifizieren. Da Bewerbungen in Zukunft aber scheinbar ohne Geburtsdatum und ohne Foto, ja vielleicht sogar ganz ohne Namen auskommen werden, zieht das Argument nicht mehr in jedem Fall.

Die Richterin riet zur Klagerücknahme. Irgendwie zu spät, denn das Kind liegt gefühlsmäßig im Brunnen.

Bildquelle: © Kumbabali – fotolia



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 03. Februar 2015 um 15:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitszeugnis, Rechtsprechung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Grundsätzlich bezieht sich die Klägerin hier auf § 1 des Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), dessen Ziel es ist, Benachteiligungen aus Gründen wie der Rasse oder wegen ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion etc. zu verhindern oder zu beseitigen.
    Die Angabe des Geburtsortes trägt zwar keinen spezifischen Zweck in Arbeitszeugnissen, da eine eindeutige Identifikation bereits auch über das Geburtsdatum möglich ist (welches auch nur unter Zustimmung des Arbeitnehmers bzw. der Arbeitnehmerin mit aufgenommen werden darf.) Diese Angabe ist aber, ebenso wie das Anführen des Geburtsortes, heute noch recht häufig Praxis in Arbeitszeugnissen. Sofern die Bewerbungsunterlagen nicht an die Anforderungen des Gleichbehandlungsgesetzes angepasst sind, macht eine Änderung in der Praxis oft wenig Sinn, da diese ja bereits über den Geburtsort informieren. Empfehlenswert wäre der explizite Verzicht bei einmen nationalen oder internationalen Herkunftsnachteil, der hier nicht gegeben ist.

    Kommentar von: Thomas Redekop – am 13. November 2015 um 13:48

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