Kleben Lehrer/innen unruhigen Grundschülern zur Disziplinierung den Mund mit Tesafilm zu, rechtfertigt dies ihre fristlose Kündigung. Das Zukleben des Mundes mit Klebeband ist kein zulässiges Disziplinierungsmittel, so das Bundesarbeitsgericht (BAG) in einem am 31.Oktober 2012 veröffentlichten Urteil (Az.: 2 AZR 156/11). Lehrer/innen verstoßen damit massiv gegen ihre arbeitsvertraglichen Pflichten.

Im vorliegenden Fall hatten Erstklässler-Eltern der Pädagogin vorgeworfen, zwei Kindern Tesafilm auf den Mund geklebt zu haben. Der Grund: Die Schüler sollen den Unterricht gestört haben. Bei einer Schulpsychologin bestätigten die Kinder den Vorfall. Das Land Sachsen-Anhalt kündigte der Lehrerin darauf fristlos.  Die Lehrerin habe eine unzulässige, inakzeptable und herabwürdigende Erziehungsmethode zum Zweck der Disziplinierung angewandt. Lehrkräfte hätten gerade gegenüber Grundschülern eine besondere Obhutspflicht. Stattdessen habe sie den Kindern Schaden zugefügt. Zahlreiche Eltern hätten nach Bekanntwerden der Vorwürfe gedroht, ihre Kinder nicht mehr in diese Schule zu schicken, solange die Klägerin dort weiter unterrichte.

Die Grundschullehrerin bestritt die Vorwürfe: Als ein Schüler unruhig wurde, habe sie ihm gesagt, dass auf seinen Mund wohl ein Tesafilm gehöre. Als der Erstklässler dies bejahte, habe sie ihm im Scherz einen Streifen auf die Wange geklebt. Ein weiterer Schüler habe dann ebenfalls einen Tesafilmstreifen auf seine Wange gewollt. Die Sache sei von allen Kindern als Spaß empfunden worden. Beide Schüler hätten mitgelacht und sich vom weiteren Erzählen und Mitarbeiten während des Unterrichts nicht abhalten lassen.

Ob die Kündigung tatsächlich wirksam und sozial gerechtfertigt ist, ist nach der Entscheidung des BAG allerdings noch offen. Die Vorinstanz, das Landesarbeitsgericht Sachsen-Anhalt, habe nämlich nicht ausreichend geklärt, ob die Lehrerin den Tesafilmstreifen zur Disziplinierung auf die Schülermünder geklebt hat. Sei dies der Fall, bestehe ein ausreichender Grund für eine fristlose Entlassung. Eine Abmahnung sei in einem solchen Fall nicht notwendig. Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass sich nach einer Abmahnung ein solcher Vorfall nicht wiederholen würde, wäre der Pflichtenverstoß als so schwerwiegend einzustufen, dass dem beklagten Land schon die erstmalige Hinnahme nicht zuzumuten wäre. Allerdings habe die Lehrerin überzeugend vorgetragen, dass sie den Tesafilm nur auf die Wange geklebt hatte. Treffe dies zu, sei die Kündigung nicht gerechtfertigt. Dies muss nun das Landesarbeitsgericht prüfen.

Bildquelle: © st-fotograf – Fotolia.com



Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 06. November 2012 um 14:43 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kündigungsschutz, Rechtsprechung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Wenn der Klebestreifen wirklich als Disziplinierungsmittel eingesetzt wurde – dann hat die „liebe“ Lehrerin leider ihren Job nicht richtig verstanden! Gerade Grundschüler geniessen zu Recht besondere Aufmerksamkeit – und KEINE willkürlichen „Bestrafungsaktionen“ ihrer Lehrer!

    Kommentar von: Jürgen – am 15. November 2012 um 12:48

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