Wer die Hölle fürchtet, kennt das Büro nicht! Unter diesem Titel veröffentlichte ein Betriebsrat aus Löhne in Ostwestfalen im November 2010 einen satirischen Roman. Darin geht es um die alltäglichen Erlebnisse eines kaufmännischen Angestellten an seinem Arbeitsplatz. Das Buch fand im Kollegenkreis offenbar reissenden Absatz, die Resonanz auf Chefebene dagegen war eher etwas … zurückhaltend. Auf gut Deutsch: Die Geschäftsführung war derart stinksauer, dass dem Hobby-Schriftsteller außerordentlich und damit fristlos gekündigt wurde. Der Grund: Nachhaltige Störung des Betriebsfriedens.

Satire ist, wie man weiß, nicht jedermanns Sache. Besonders eng wird es immer dann, wenn man selbst betroffen ist und sich als Person wiedererkennt. Das kann man auf vielen Betriebsfeiern beobachten, wo etwas „Witziges“ aufgeführt oder vorgetragen wird. Vorgesetzte kommen bei sowas selten gut weg. Da es aber auch in fast jedem Kollegenkreis den ein oder anderen gibt, den man am liebsten ungespitzt in den Boden rammen würde, spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich bei sowas auch mancher Büronachbar verunglimpft fühlt. Bei der Lektüre von „Wer die Hölle fürchtet…“ wird es also nicht nur Lacher gegeben haben.

Was an die fiktive und recht beliebte TV-Serie Stromberg erinnert, erfuhr hier in der Realität einen etwas dramatischeren Verlauf: Zuerst die fristlose Kündigung, anschließend der Prozess vor dem Arbeitsgericht Herford. Das Ergebnis: Das Gericht sah in dem Roman keinen Kündigungsgrund und gab der Kündigungsschutzklage des Romanschreibers statt (Urteil vom 18.02.2011, Az. 2 Ca 1394/10). Die Gründe sind interessant, so wie es oft recht interessant wird, wenn Grundrechte, insbesondere die nach Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz geschützte Freiheit der Kunst ins juristische Spiel kommen! Das Gericht stellte jedenfalls fest, dass der Arbeitnehmer durch das Schreiben und Veröffentlichen des Romans keine Pflichten aus seinem Arbeitsvertrag verletzt habe. Auch Persönlichkeitsrechte von Dritten seien nicht betroffen gewesen: Vorbilder aus der Lebenswirklichkeit dürften wegen der laut Gericht hoch einzuschätzenden Kunstfreiheit verwendet werden. Das Buch „Wer die Hölle fürchtet…“ sei erkennbar fiktional. Darauf habe der Autor hingewiesen („Personen und Handlungen sind frei erfunden“). Und auch dass der Betriebsfrieden gestört worden sein, war zumindest für das Arbeitsgericht in Herford nicht erkennbar.

Peter



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 18. Mai 2011 um 17:13 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsvertrag, Betriebsrat, Rechtsprechung abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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3 Comments »

  1. wieder in der Firma arbeiten wird der Schreiber aber doch nicht, trotz prozessualem Obsiegen. Wäre interessant zu erfahren, ob man sich auf Abfindung geeinigt hat. Wenn ja, hat die Fristlose ihr Ziel erreicht, war halt nur etwas teurer.

    Kommentar von: Torsten Berfelde – am 01. Juni 2011 um 15:40

  2. Superurteil! Aber wer weiß, ob der Mann nicht doch bei der Firma weiterarbeitet..?! Ich habe ähnliche Erfahrungen – In meinem Fall war es eine satirische BR-Zeitung – und ich habe meinen §103-Prozess vor 6 Jahren ebenfalls gewonnen. Ich bin immer noch in der gleichen Firma. Natürlich ist es nicht einfach – aber es ist möglich. Und die Erfahrung zeigt, dass Betriebsräte häufig länger im Amt bleiben als die Personen, die sie irgendwann einmal loswerden wollten…

    Kommentar von: Susanne Sievers – am 04. Juni 2011 um 10:12

  3. …na, toll. Dann sind wir ja schon drei. Mein neuer Chef hat mich nach 24 Jahren fristlos gekündigt, weil er meine Satire nicht mochte – mit Unterstützung des örtlichen BR. Habe die Gelegenheit genutzt, mit Taschengeld zu gehen und mich selbständig zu machen. @susannesievers: Würde mich freuen, wenn wir Kontakt aufnehmen. Will ein Buch darüber schreiben. Sie finden mich hier: http://twitter.com/mobbingguerilla

    Danke und viele Grüße
    Hans

    Kommentar von: Hans – am 12. Juni 2011 um 15:23

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