von Peter am 08.09.2016, 17:15 Uhr , Kategorie: Allgemein, Union Busting

Verkehrsschild MitbestimmungMitbestimmung ohne Betriebsrat – geht das? Oh ja, glaubt man Manfred Zollner aus Zandt in der Oberpfalz. Der 76jährige ist Firmengründer der Zollner Elektronik AG und ein echtes bayerisches Urgestein. 1965 eröffnete er in der strukturschwachen Region östlich von Regensburg ein kleines Elektrofachgeschäft. Daraus entwickelte sich bis heute eine Firmengruppe mit aktuell 10.000 Mitarbeitern weltweit. Eine unternehmerische Leistung, die beeindruckt.

Ähnlich beeindruckend ist es, leider auf ganz andere Art, wenn sich Manfred Zollner hinstellt und in sicher tiefstem oberpfälzischem Dialekt erklärt, dass er keinen Betriebsrat brauche, weil er das nämlich selber mache. „Da Betriebsrat bin I“ lautet sein wohl schönstes Zitat gegenüber der Mittelbayerischen Zeitung, die ihn und sein Unternehmen neulich porträtierte.

Im Rahmen einer mehrteiligen Artikelserie beleuchtete die Zeitung, wie es um die Mitbestimmung und die betriebliche Interessenvertretung in der Oberpfalz bestimmt ist. Leider nicht gut, zu diesem Ergebnis kommt man, liest man die in den letzten Wochen veröffentlichten Reportagen.

Unternehmensgründer Zollner begründet seine Aussage dann mit einem verblüffenden Vergleich. Wenn er „auf Cham aufifahrt“, sprich mit dem Auto in die Kreisstadt Cham fahre, brauche er „a koan, dea ihm sogt, wia des geht“. Soll heißen: Den Weg, den kennt er selbst. Das gleiche gilt offenbar für das ordnungsgemäße Funktionieren eines Betriebs. Mit einem Unterschied: Die Rolle des Betriebsrats übernehmen bei Zollner die Führungskräfte, der Vorstand sowie der Aufsichtsrat, sagt Vorstandsvorsitzender Hans Weber. Ernsthaft!

Einen echten Betriebsrat will man nicht und das wird auch so kommuniziert. Es habe früher einmal den Versuch gegeben, ein Gremium zu installieren. Das ging schief – die Führungsspitze machte klar, was sie von dem Vorhaben hält und setzte sich durch. Zimperlich ging man damals bestimmt nicht vor.

In nur 20% der regionalen Betriebe existiere ein Betriebsrat, so die Gewerkschaft Verdi. Es gäbe hier keine Streitkultur, meint Werner Schwarzbach, der DGB-Vorsitzende aus Cham. Ein Oberpfälzer ohne Streitkultur? Wer diesen Landstrich kennt, für den klingt das absurd. Dennoch weiß Schwarzbach, von was er redet: Seit einem Vierteljahrhundert betreut er hier die Betriebe von der Gewerkschaftsseite aus. Nachwuchs im DGB gebe es quasi nicht. Seine Mitstreiter im DGB seien mittlerweile alle pensioniert. Er selbst ist 63. Keine gute Prognose.

Bei der Zollner AG setzt man ganz offensiv auf „direkte Kommunikation“: Vertikal und horizontal und das bei einer fünfstelligen Zahl von Mitarbeitern! Das geht etwa so: Zettelboxen stehen im Unternehmen herum, auf denen man sich als Mitarbeiter äußern darf. Zum Essen in der Kantine etwa oder zum mangelnden Winterdienst auf dem Parkplatz. Ja, Kritik sei hier ausdrücklich erwünscht und den Vorstandsvorsitzenden dürfe man ruhig auch auf dem Gang ansprechen.

Die Vorstellungen von offener Kommunikation sind sehr vielfältig. Ihre Umsetzung auch.

Keine Frage: Die Zollner AG ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen. Die Umsätze wuchsen in den letzten Jahren zweistellig. Auf der Webseite der Firma kann man zahlreiche Auszeichnungen bewundern. So erhielt man 2014 einen Preis als besonders ausbildungsintensives Unternehmen und Zollner senior ist immerhin Manager des Jahres. Das ist die Sonnenseite, wenn man es so nennen möchte.

Der Schatten sieht so aus: Den Vorstand öffentlich als Betriebsrat zu deklarieren, ist ein sehr schlechter Witz! Der Betriebsrat ist die Interessenvertretung der Mitarbeiter und setzt sich aus diesen zusammen, aus niemand sonst. Es ist unglaublich, dass das in einem so großen Unternehmen nicht möglich sein soll. Wer seine Belegschaft liebt, wer ihr vertraut und wer sie ernst nimmt, der spricht und handelt anders. Der lässt sie keine Zettel in Boxen werfen, sondern signalisiert, dass er einem Betriebsrat offen gegenüber steht. Das ist das Mindeste!

Letztlich liegt es aber an den Menschen. Sicher kann man sich mit den Zuständen arrangieren. Das Unternehmen floriert, da wird es den meisten gut gehen. Die Zeiten werden sich aber wieder ändern. Die Mitarbeiter haben es immer in ihrer Hand, auch wenn es im Fall Zollner wie eine Revolution ausschauen mag, die viele zutiefst erschreckt. Hoffentlich nicht alle.

Bildquelle: © bluedesign – fotolia.de