von Christine am 30.03.2020, 12:09 Uhr , Kategorie: Interview, Wirtschaftskrise
Insolvenz wegen Corona
Bild: Pixabay

Als Betriebsrat werden Sie jetzt gebraucht!

Folgt nach Corona die Pleitewelle? Schon heute stehen viele Unternehmen wegen den Einschränkungen durch das Virus vor großen finanziellen Schwierigkeiten. Damit stehen auch Betriebsräte vor großen Herausforderungen. Worauf sollten sie achten? Wir sprachen mit Dr. Tobias Nägle, der als Betriebsratsvorsitzender die Insolvenz des Reise-Konzerns Thomas Cook erlebt hat.

Herr Dr. Nägle, was können Betriebsräte tun, wenn der wirtschaftliche Absturz droht?

Ganz wichtig ist, sich aktiv einzuschalten! Auch wenn wirtschaftliche Entscheidungen vorrangig bei der Geschäftsführung liegen, gibt es für den Betriebsrat viel zu tun. Wichtig ist es, sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen, sich untereinander abzustimmen und dann vor allem die Kollegen ganz schnell, umfassend und ehrlich zu informieren. Ich setze da immer auf die persönliche Information. Rundschreiben sind auch sehr wichtig, ersetzen aber gerade in Krisenzeiten nicht die persönliche Präsenz.

Und gegenüber dem Arbeitgeber?

In Richtung Management muss es auch einen „heißen Draht“ geben. Gute Manager sind froh, einen Mitstreiter gegen die Gefahr und in der Kommunikation zur Belegschaft zu haben. Aber Mithilfe und Unterstützung funktionieren nur, wenn der Arbeitgeber den Betriebsrat aktiv in seine Entscheidungen und Aktivitäten einbezieht. Das muss im Zweifel vom Betriebsrat eingefordert werden.

Wie kann man sich inhaltlich wappnen, wo holt man sich Fachwissen und Hilfe?

Unverzichtbar ist die tiefe Kenntnis über das eigene Unternehmen, die Beschäftigten und die Abläufe, die man über den ständigen formellen und informellen Austausch mit dem Management und auch besonders mit den Kollegen erwirbt. Außerdem sollte man natürlich umfassend über seine Aufgaben und Pflichten als Betriebsrat Bescheid wissen und ein Verständnis über wirtschaftliche Abläufe und Kennzahlen haben. Bei umfassenderen Problemen rate ich immer zu juristischem Beistand, auch ein wirtschaftlicher Berater kann sinnvoll sein. Und dann gibt es ja auch die Gewerkschaften, die ihren Mitgliedern mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Was waren bei Thomas Cook die ersten Zeichen für eine drohende Insolvenz?

Einzelheiten kann ich natürlich nicht nennen. Grundsätzlich ist Gefahr immer dann gegeben, wenn die Entscheidungen und Planungen der Unternehmensspitze nicht genug die Realitäten in den Märkten abbilden und berücksichtigen. Das führt dann dazu, dass das mittlere Management einerseits unrealistische Vorgaben „von oben“ hat, sich aber andererseits nach dem Markt – also der Wirklichkeit – richten muss, um z. B. Umsatz zu generieren. Wenn der mittlere Manager vor allem zur Aufgabe hat, die eher behindernden Vorgaben der Unternehmensspitze abzuhalten, um seinem Team den Rücken für seine eigentlichen Aufgaben frei zu halten, dann brennt bald die Hütte.

Natürlich sind immer auch die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen ein wichtiger Indikator. Wenn von allen als wichtig angesehene Investitionen über längere Zeit nicht getätigt werden, dann ist das ein Alarmsignal.

Welchen Rat können Sie Betriebsräten geben? Wie können frühzeitig Fehler vermieden werden? Hinterher ist man natürlich klüger, weil man alle Entwicklungen kennt.

Eine sehr schwere Frage, auf die ich noch keine konkrete Antwort habe. Fest steht, dass wir es auch als europäischer Betriebsrat nicht geschafft haben, die Konzernspitze zu überzeugen, dass der eingeschlagene Weg nicht erfolgreich sein kann. Man hatte dort den Glauben, dass man die touristischen Märkte in den jeweiligen europäischen Ländern vereinheitlichen und über Zentralisierung der Funktionen viel Geld einsparen kann. Das hat aber nicht funktioniert. Man hat aus meiner Sicht einen übergroßen Verwaltungsapparat aufgebaut, mit hoch bezahlten Spezialisten, die gruppeneinheitliche Vorgaben erarbeiten und diese nachhalten sollten. Weil jedoch auch große Märkte wie z. B. in Großbritannien und in Deutschland im touristischen Bereich vollkommen unterschiedlich aufgebaut sind, konnte vieles nicht vereinheitlicht werden. Es gab eine Reihe von marktspezifischen Adjustierungen. Die Abstimmung der Ausnahmen von der Regel kostet viel Zeit und Geld. Man war langsam und teuer, die erhofften Einsparungen durch die Zentralisierung kamen durch die immer größer werdende Zahl von Ausnahmen nicht. Man hätte sich beim Zentralisieren auf wenige Dinge beschränken und ansonsten den Märkten freie Hand lassen sollen. Das haben wir länderübergreifend im Betriebsrat so gesehen, haben es aber nicht geschafft, das Gruppenmanagement davon zu überzeugen. Aber dazu gehört natürlich auch, dass die obersten Manager einsichtig sind. Gerade außerhalb von Deutschland sind die Vorbehalte gegen den Betriebsrat deutlich, und es ist viel schwieriger, einen direkten, engen und vertrauensvollen Kontakt zu den Entscheidungsträgern aufzubauen. Natürlich hat auch der hohe Verschuldungsgrad der Gruppe zur Insolvenz beigetragen.

Worauf sollten Betriebsräte jetzt in der Corona-Krise achten, in der es ja sicher Insolvenzen geben wird?

Es ist jetzt sehr wichtig, bestehende Strukturen zu erhalten. Und diese bestehen nun einmal aus den Kolleginnen und Kollegen. Dass der Mensch auch im Betrieb immer im Mittelpunkt steht, ist die Grundlage der Betriebsratsarbeit. In der Krise ist das noch wichtiger. Viele fühlen sich alleine, verunsichert und orientierungslos. Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter? Der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen wird stark eingeschränkt. Man sitzt vielleicht im Home-Office und ist von der Außenwelt abgeschnitten. Aufgaben fallen weg oder ändern sich elementar. Hier ist es wichtig, dass der Betriebsrat Präsenz zeigt. Sprechen Sie Kolleginnen und Kollegen aktiv über Mails oder in Calls an. Informieren Sie, sind Sie aber auch für die Sorgen und Nöte da.

Die Corona-Krise trifft alle. Auch gut aufgestellte und erfolgreiche Unternehmen. Auch für diese ist die Krise existentiell. Wichtig ist es jetzt, finanziell zu überleben.

Viele Betriebe setzen deshalb auf Kurzarbeit. Auch das kann eine Möglichkeit sein, die Arbeitsplätze und Strukturen im Betrieb zu erhalten, auch wenn über einige Wochen hinweg keine Arbeit da ist. Dieses Thema beschäftigt im Moment viele Betriebsräte. Das kann aber nicht die einzige Aktivität zur Krisenbewältigung sein. Fordern Sie Ideen von Ihrem Management ein. Und bringen Sie sich dann aktiv ein. Denn Sie werden gebraucht!

Wo liegen die Chancen derzeit – trotz Corona?

Das ist jetzt, wo der Höhepunkt noch nicht erreicht ist, Glaskugellesen. Ich hoffe jedoch, dass in grundsätzlichen Dingen ein umfassendes Umdenken beginnt. Vieles ist überreguliert und der administrative Aufwand ist, obwohl immer gut gemeint, ins Unermessliche gestiegen und behindert uns alle und auch die Betriebe viel zu sehr. Dass die Bundesregierung in den letzten Tagen schnell – und eben „unbürokratisch“ Entscheidungen getroffen hat und diese umsetzt, hilft sehr. Vielleicht nimmt man sich jetzt daran ein Beispiel und beseitigt die in meinen Augen viel zu vielen Bürokratieauswüchse.

Der Dipl.-Kaufmann Dr. Tobias Nägle hat als Betriebsrat und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender die Insolvenz von Thomas Cook hautnah miterlebt.



Dieser Beitrag wurde am Montag, 30. März 2020 um 12:09 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Interview, Wirtschaftskrise abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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