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Neue Krankenstandsdaten: Reine Spekulation auf Kosten der Arbeitnehmer

Erst berichte die Zeitung Die Welt [1] darüber, danach Spiegel Online [2]: Der Krankenstand bei Deutschlands Arbeitnehmern sei im ersten Halbjahr 2010 von 3,24 auf 3,58 Prozent gestiegen. „Sprunghaft angestiegen“ heißt das bei der Welt, von einem „höchsten Niveau seit fünf Jahren“ wird bei Spiegel Online geschrieben. Und: „Die Deutschen lassen sich wieder häufiger krankschreiben“. Dass die Formulierung „krankschreiben lassen“ dabei unterstellt, man mache „blau“, soll nur am Rande erwähnt sein.

Das eigentliche Thema ist: Was genau steckt hinter diesen neuen Krankenstandsdaten? Das Bundesgesundheitsministerium erhält regelmäßig zu einem bestimmten Stichtag, zumeist am Ersten des Monats, gemeldet, wieviele Mitglieder des gesetzlichen Krankenkasse eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt haben. Der weitere Verlauf der Krankheit wird nicht abgebildet, es geht nur um diesen einen Tag im Monat. Ursachen sind nicht ersichtlich, auch nicht die tatsächliche Dauer, weswegen die Krankenkassen selbst auch keinerlei Interpretation vornehmen. Man muss auf die Zahlen und deren Entwicklung hier gar nicht näher eingehen, denn: Mit diesen relativ aussagelosen Daten verbietet es sich seriöserweise von selbst, irgendwelche Rückschlüsse zu ziehen. Das Ministerium weist erstaunlicherweise völlig unmißverständlich [3] von selbst darauf hin: „Ursachen-Forschung lasse sich mit diesen Zahlen nicht betreiben.“

Das stört die eingangs genannten Medien nicht. Denn wie langweilig sind nackte Zahlen, solange sie nicht aufmerksamkeitserregend interpretiert werden können. Dabei schießt „Die Welt“ den Vogel ab indem der angeblich sprunghafte Anstieg der Krankenstandsmeldungen in unmittelbaren Zusammenhang mit der wieder Fahrt aufnehmenden Konjunktur gesetzt wird. Die Botschaft dabei: Arbeitnehmer haben nun wieder weniger Angst vor Jobverlust, weshalb sie leichtfertiger und schneller der Arbeit fernbleiben. Dass dies reine Spekulation ist, darauf weist die Süddeutsche Zeitung [4] recht deutlich hin: Dieser Zusammenhang gelte bereits seit zehn Jahren nicht mehr. Der Krankenstand sei im historischen Vergleich vor allem eins, sehr niedrig und das war in den letzten Dekaden immer so, egal ob die Wirtschaft gerade brummte oder nicht.

Aber wen juckt das schon? Eigene Ursachenforschung macht Spaß weil sie fast immer optimal in den Kram passende Schlußfolgerungen zulässt. In diesem Fall diejenige, dass mit dem vermeintlichen Ende der Wirtschaftskrise die Arbeitnehmer zu einer faulen Haltung zurückfinden und sich als allererstes krankschreiben lassen. Wie schäbig ist das denn? Möglicherweise reagiert jetzt das Ministerium: Man sei sich, so die Süddeutsche [4], der problematischen Datenlage voll bewusst und überlege, auch angesichts der jüngsten Berichterstattung in den Medien, die Veröffentlichung in Zukunft ganz einzustellen. Besagte Medien wird das nicht großartig stören: Denn irgendeine Umfrage oder Studie gibt es immer, die sich prima für solche Zwecke einspannen lässt.

Peter