von Renate am 26.02.2020, 12:02 Uhr , Kategorie: Arbeitsmarkt, Leiharbeit
Foto: Ocscay Bence

Obwohl die Anzahl der Leiharbeitnehmer in Deutschland insgesamt rückläufig ist, steigt die Zahl der Leiharbeiter in manchen Unternehmen immer weiter an. Auch im Gesundheitswesen geht der Trend deutlich aufwärts. Der Anteil der Zeitarbeit in Krankenhäusern und Pflegediensten ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Immer mehr Alten- und Krankenpfleger entscheiden sich für eine Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma, denn das hat Vorteile: Die Arbeitszeiten sind klarer geregelt als bei einer Festanstellung, es gibt weniger Nachtschichten und Wochenendarbeit. Sogar die Löhne sind inzwischen oft höher als bei den fest angestellten Kollegen. Die Arbeit ist besser planbar und die Nachfrage ist schließlich groß genug.

Der eklatante Personalmangel im Gesundheitswesen ist kein Geheimnis. Immer mehr Krankenhäuser können die Versorgung überhaupt nur noch mit Leiharbeitskräften sicherstellen. In vielen Krankenhäusern stehen Abteilungen leer, weil Personal fehlt.

Die Festangestellten müssen Leiharbeit ausbaden

Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind die verbleibenden fest angestellten Mitarbeiter – und vor allem die Patienten. Sie müssen es ausbaden, wenn immer neue Leiharbeiter nahezu täglich wieder „neu beginnen“ und den Betrieb und die Patienten nicht kennen. Die ständig wechselnden Leiharbeitskräfte müssen von den fest angestellten Mitarbeitern immer wieder neu eingearbeitet werden, was diese neben ihrem Job – oft unter enormem Zeitdruck – noch mit erledigen. Die Zeitarbeitskräfte kennen sich im Betrieb dann aber natürlich trotzdem nicht optimal aus, fragen häufig nach und machen – auch das ist nur natürlich – mehr Fehler. Das bedeutet noch mehr Arbeit für die Festangestellten.
Auch bei den Personalverantwortlichen ist der zeitliche und organisatorische Aufwand deutlich höher.

Auch für Patienten ist Leiharbeit ein Problem

Doch nicht nur für die fest angestellten Kollegen ist die Entwicklung eine enorme Belastung, sondern auch für die Patienten. Von Versorgungsqualität und Patientensicherheit kann teils nicht mehr die Rede sein. Vor allem im intensivmedizinischen Bereich werben Zeitarbeitsfirmen gezielt Pflegepersonal ab. Neben der mangelnden Kenntnis zum speziellen medizinischen Einzelfall ist auch die Anonymität ein schwieriges Thema für viele Patienten. Die Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen kennen die Patienten und ihre Krankengeschichte meist nicht und sind auch nicht lange genug da, um zu einem vertrauensvollen Ansprechpartner zu werden. Pflege ist aber nun mal keine Fließbandarbeit, sondern eine Mensch-zu-Mensch-Beziehung. Vertrauen und Verlässlichkeit sind so aber kaum möglich.

Berlin will Zeitarbeit in der Pflege verbieten

In Berlin ist der Anteil an Leiharbeitskräften in der Pflege besonders groß. Deshalb wird dort nun überlegt, Leiharbeit in der Pflege zu verbieten bzw. nur noch für kurzfristige Personalausfälle zu erlauben. Auch auf Bundesebene ist man sich des wachsenden Problems bewusst. Ein Verbot dürfte allerdings nicht so einfach werden, denn es würde die Freiheit der Berufswahl der Pflegekräfte einschränken und die ist grundgesetzlich garantiert. Mehr Sinn würde es deshalb wohl machen, die Vorzüge, die Zeitarbeit im Vergleich zu einer Festanstellung bietet, einzudämmen, z. B. indem die Möglichkeit der Wunsch-Schichten gestrichen wird.

Fest steht: Veränderungen in der Branche sind dringend nötig. Ob es zu einem Verbot der Leiharbeit in der Pflege tatsächlich kommt, darf man bezweifeln. Allerdings würde ein solches Verbot ohnehin nur das Symptom bekämpfen, aber nicht die Ursachen dieses „erkrankten Gesundheitssystems“ lösen.

Welche Rechte haben Sie als Betriebsrat beim Einsatz von Leiharbeitern?

Wie ist es bei Ihnen im Betrieb? Arbeiten Sie oder Ihre Kollegen mit Leiharbeitnehmern zusammen? Dann kennen Sie hoffentlich Ihre Rechte als Betriebsrat: Da der Einsatz eines Leiharbeitnehmers eine Einstellung nach § 99 BetrVG ist, braucht der Arbeitgeber nämlich die Zustimmung des Betriebsrats. Diese können Sie unter bestimmten Voraussetzungen auch verweigern, z. B. wenn

  • der verleihende Arbeitgeber nicht über die erforderliche Erlaubnis nach § 1 Abs. 1 AÜG verfügt,
  • die Gefahr besteht, dass deswegen ein Stammarbeitnehmer gekündigt oder versetzt werden muss,
  • es einen schwerbehinderten Menschen gibt, der einen Anspruch auf den zu besetzenden Arbeitsplatz hat (§ 81 Abs. 4 SGB IX), oder
  • der Arbeitsplatz auch mit einer Teilzeitkraft, die ihre Arbeitszeit aufstocken möchte, oder mit einem befristet beschäftigten Arbeitnehmer besetzt werden kann.

Mehr zum Thema Leiharbeit, Arbeitnehmerüberlassung und Ihren Mitbestimmungsrechten als Betriebsrat erfahren Sie hier.



Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 26. Februar 2020 um 12:02 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Arbeitsmarkt, Leiharbeit abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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1 Kommentar »

  1. Super geschriebener und informativer Artikel :-). Eine sehr gute Aufstellung. In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

    Kommentar von: Christopher Seidel – am 25. August 2020 um 09:30

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