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Interview mit OBI-Betriebsrätin: „Politische Polemik bringt nichts für unsere Kollegen“

ifb-Blog-Interview mit Frau Liane Schramm (Vorsitzende des Gemeinschaftsbetriebsrats OBI GmbH & Co. Deutschland KG Zentrale, OBI Corporate Center GmbH, OBI Logistics GmbH, OBI Services GmbH)

In unserem ifb-Blog-Beitrag vom 14. Juli 2009 [1]haben wir davon berichtet, dass Spiegel Online [2]verbreitet, OBI würde die Wahl von Betriebsräten verhindern.

Viele unserer Leser waren über diese Vorgänge sehr verärgert, was sich in den Kommentaren zum Beitrag zeigt.

Dies verwundert nicht weiter, denn die Behinderung von BR-Wahlen ist kein Kava-liersdelikt, sondern stellt eine echte Straftat nach § 109 Abs. 1 Nr. 1 BetrVG dar.

Spannender war jedoch, dass die Gemeinschaftsbetriebsratsvorsitzende von OBI – Frau Liane Schramm – uns mitgeteilt hat, dass den Vorwürfen von Spiegel Online jegliche Grundlage fehlt. Ganz im Gegenteil zu den Presseberichten besteht sogar eine harmonische und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den OBI-Betriebsräten und der Geschäftsleitung.

Dazu nun unser Interview mit Frau Schramm:

Frau Schramm, hat Sie die Berichterstattung des Spiegels verwundert oder treffen einige Vorwürfe von denen die Medien berichten zu?

Die Vorwürfe haben mich schon sehr überrascht; besonders die Aussagen von Herrn Rainer Reichenstetter, der in der ver.di- Bundeszentrale für OBI zuständig ist. Im Oktober 2008 habe ich als die Vorsitzende des größten BR des Unternehmens die BRs der Märkte OBI GmbH & Co. Deutschland KG zur konstituierenden Sitzung nach Wermelskirchen eingeladen, und wir haben einen GBR gegründet, der immerhin 105 Märkte in Deutschland vertritt. Zu unseren Sitzungen laden wir Herrn Reichenstetter ein. Ich kann in keiner Weise nachvollziehen, dass er sich über OBI äußert, ohne den GBR zu Wort kommen zu lassen oder auf dessen Existenz hinzuweisen.
OBI ist ein Franchise-Unternehmen mit einer komplizierten Struktur. Der Umgang mit Arbeitnehmervertretungen fällt OBI genauso schwer wie anderen Handelsunternehmen. Die Tatsache, dass unsere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, im Gegensatz zum produzierenden Gewerbe, nur mäßig organisiert sind, macht die Arbeit von starken Betriebsräten um so erforderlicher.
Betriebsratsarbeit ist ein Ehrenamt. Unsere Kollegen, die sich entschließen, die Interessen für Ihre Belegschaften zu vertreten, müssen neben Ihrer täglichen Arbeit lernen, diese Interessen realistisch wahrzunehmen, denn Betriebsratsarbeit unterscheidet sich maßgeblich von der Arbeit der Gewerkschaften, deren Gegenüber vor allem Arbeitgeberverbände sind. Unser Verhandlungspartner ist immer der direkte Arbeitgeber, mit dem wir innerbetriebliche Angelegenheiten zu klären haben.
Die Akzeptanz in den eigenen Belegschaften ist unser Mittel für eine erfolgreiche Arbeit, nicht das Rekrutieren neuer ver.di-Mitglieder. Junge Betriebsräte werden verunsichert. Wer erkennt, dass die Aufgaben der Gewerkschaften ganz klar von denen der Betriebsräte zu trennen sind, hat die Chance, sich ganz früh der eigenen Verantwortung bewusst zu werden, die man als Betriebsrat übernimmt.
Ein Beispiel: ver.di informiert seine Mitglieder, dass drei Personen genügen,um einen Betriebsrat zu gründen. Natürlich, für einen Wahlausschuss bedarf es nur dieser Personenzahl. In dem Markt, der mich leider viel zu spät eingeladen hat, kam es allerdings nicht einmal zur Bestellung eines Wahlausschusses, weil die Belegschaft sich nicht von den drei Kandidaten vertreten lassen wollte und denen letztlich der Mut gefehlt hat. Der zuständige ver.di-Vertreter hatte die Kollegen ganz schlecht auf ihre zukünftige Arbeit vorbereitet und die wichtigste Grundlage völlig vergessen: Die Akzeptanz der Belegschaft.

Wie konnten solche Vorwürfe entstehen?

Die massiven Vorwürfe werden von der Gewerkschaft ver.di erhoben. Mich interessiert vielmehr die Wirkung des Artikels auf unsere Arbeit. Das Vertrauensverhältnis zu unserem Arbeitgeber, das ein Verhandeln für unsere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf Augenhöhe voraussetzt, kann beschädigt werden. Ich mache mir weniger Sorgen um den Gemeinschaftsbetriebsrat der Zentralgesellschaften, denn wir sind auf einem sehr erfolgreichem Weg, einen konstruktiven Dialog mit dem Management zu führen. Dies lässt uns hoffen, dass zukünftig alle Betriebsräte bei OBI davon profitieren. Die Verunsicherung, die durch die Anschuldigungen entstanden ist, betrifft beide Seiten. Es wird hier eine Front zwischen Marktleitungen, Betriebsräten und Belegschaften, die einen Betriebsrat gründen wollen, aufgebaut, die unsere Arbeit erschwert. Gerade in Handelsunternehmen, die aus der Historie im Umgang mit Arbeitnehmervertretungen eher ungeübt sind, benötigen Betriebsräte eine gewisse Zeit, um positive Veränderungen für ihre Belegschaften zu erreichen.
Es sind immer konkrete betriebliche Gegebenheiten, die von Betriebsräten zu behandeln sind; politische Polemik bringt nichts für unsere Kollegen. Auch die Tatsache, dass der Gesetzgeber es heute zulässt, dass Unternehmen, teilweise ohne Tarifbindung, im Arbeitgeberverband organisiert sind, werden wir auf betrieblicher Ebene nicht verändern. Hier sind der Gesetzgeber, die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften gefordert.

Was tut die OBI-Geschäftsleitung für eine gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat?

Die OBI Geschäftsleitung ist in ständigem Dialog mit dem Gemeinschaftsbetriebsrat der Zentralgesellschaften. Die konkrete Zusammenarbeit findet im Wirtschaftsausschuss des BR und in gemeinsamen Arbeitsgruppen statt. Sehr konstruktiv war eine Arbeitsgruppe, die sich aus Betriebsratsmitgliedern und Arbeitgebervertretern zur Entwicklung einer neuen Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit zusammen gesetzt hat. Die Informationen über Veränderungen, die Auswirkungen auf die Belegschaft haben, werden dem Gemeinschaftsbetriebsrat zur Verfügung gestellt. Natürlich kann man den Informationsaustausch ständig verbessern. Die OBI Geschäftsleitung weiß, dass Personal nicht nur Kosten verursacht, sondern auch wichtiges Kapital eines Unternehmens ist. Diese Tatsache wird in den nächsten Jahren unter Berücksichtigung der Bevölkerungsentwicklung einen immer stärkeren Stellenwert einnehmen. OBI ist sich dieser Entwicklung durchaus bewusst. An der Investition in die eigene Belegschaft wird zukünftig kein Arbeitgeber vorbeikommen, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will.

Was sagen Sie zu den Vorwürfen von ver.di, dass Gewerkschaftsvertreter Hausverbote von OBI erteilt bekommen haben, obwohl das BetrVG den Gewerkschaften ein Zugangsrecht einräumt?

Ob es Hausverbote für Gewerkschaftler gegeben hat, ist mir nicht bekannt. Daher möchte ich an dieser Stelle nicht spekulieren und mich auf mir bekannte Sachverhalte und Tatsachen beschränken, die ich beurteilen kann.

Die Vorwürfe sind hart: Von unrechtmäßigen, fristlosen Kündigungen ist die Rede. Ist das alles frei erfunden?

Den Fall einer konstruierten Kündigung, der am Beispiel des Bietigheimer Kollegen die Presse der Region wochenlang beschäftigt hat, möchte ich nicht auch noch kommentieren. Den konkreten Sachverhalt würde ich gern mit dem Kollegen Armbruster persönlich diskutieren. Natürlich stehen Betriebsräte immer im Fokus, denn sie sollen ja das soziale Gewissen des Arbeitgebers sein, und in dieser Funktion wird es immer zu Kontroversen kommen. Auch die Gegenseite bietet nicht in jedem Fall die besten Verhandlungspartner auf. Mein Tipp an alle Betriebsräte: Persönlich korrektes Verhalten, das Zweideutigkeiten ausschließt, schützt vor unnötigen Auseinandersetzungen.

Was ist mit den gut dotierten Aufhebungsverträgen – das riecht doch nach „Ruhigstellung“!?

Ich verlasse mich nie auf meine Nase, sondern immer auf konkrete Informationen. Auch in den Zentralgesellschaften wurden in den vergangenen Monaten Arbeitsverhältnisse durch Aufhebungsverträge beendet. OBI hat, im Gegensatz zu vielen anderen großen Unternehmen, im Zusammenhang mit der allgemeinen Finanzkrise auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Nun kann man behaupten, Arbeit-nehmer werden unter Druck gesetzt, um das Arbeitsverhältnis zu beenden. Zunächst halte ich jede Arbeitnehmerin und jeden Arbeitnehmer für einen mündigen Menschen. Mein Respekt vor meinen Kollegen ist zu groß um zu unterstellen, dass ein Aufhebungsvertrag aus Angst und Druck unterschrieben wird. Um aber jede Eventualität auszuschließen, hat unser Betriebsrat für diese Fälle Beratung angeboten, die von einigen Kollegen auch wahrgenommen wurde.

Nur 40 von 330 OBI-Filialen haben laut Spiegel online einen Betriebsrat. Warum bestellen Sie als Gesamtbetriebsrat nicht die Wahlvorstände in den betriebsratslosen Filialen?

Der Gesamtbetriebsrat wird bei Bedarf selbstverständlich und ohne Probleme in den betriebsratslosen Märkten Wahlvorstände bestellen. Der GBR Deutschland vertritt 105 Märkte und der GBR Hannover vertritt 7 Märkte. Die Kollegen und Kolleginnen der Franchise-Märkte erreichen wir leider nicht. Aber Ihre Frage hört sich so an, als ob in allen Märkten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nur darauf warten, bei der Gründung von Betriebsräten Unterstützung zu erhalten. Wie eingangs bereits erwähnt, ist die Arbeit von Betriebsräten ehrenamtlich. Betriebsräte haben eine hohe Mehrbelastung in Kauf zu nehmen und sich immer wieder die Akzeptanz der Belegschaft zu sichern. Nicht jede Entscheidung eines Betriebsrats trifft auf die Zustimmung aller Kollegen. Die Interessen der einzelnen Bereiche, gerade in den Zentralgesellschaften, sind so unterschiedlich, dass Entscheidungen sehr anspruchsvoll sein können. Wir sind sehr interessiert an der Gründung von Betriebsräten, aber unsere Belegschaften sind auch sehr anspruchsvoll wenn es um die Wahl der Menschen geht, von denen sie sich vertreten lassen wollen.

Was wissen Sie über die Teilnahme der OBI-Geschäftsleitung an „Betriebsrats-Killing-Seminaren“?

Es wäre sehr einfach, wenn unsere Geschäftsleitung Manager hätte, die an solchen Seminaren teilnehmen müssten. Das würde unsere Verhandlungsführung manchmal enorm erleichtern. Wir unterschätzen unsere Verhandlungspartner nicht. Ein Manager bei OBI kann mit unseren Betriebsräten durchaus kontrovers diskutieren und verhandeln, ohne diese Art von Seminaren besucht zu haben.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Frau Schramm.